Wie viele Filmemacher haben es versucht? Man kann sie nicht an den Fingern beider Hände abzählen. Was? Einem Film, so leicht, unbeschwert, intellektuell und liebevoll wie die Wunderbare Welt der Amelie, das Wasser zu reichen. Ich muss sagen, bis gestern hatte ich keinen dieser Kandidaten auch nur in Bauchnabelhöhe von Amelie gesehen...bis gestern...
Denn da landete Odette Toulemonde in meinem DVD Player. Von Bauchnabel kann man da nicht mehr reden. Odette und Amelie begegnen sich auf Augenhöhe, und das ganz ohne Plagiat oder Kupferei.
Odette ist Verkäuferin in einem Kaufhaus. Sie lebt dort in ihrer eigenen, kleinen, heilen Welt. Zu Hause erwartet sie der homosexuelle Sohn, der zudem auch noch Friseur ist und die Hippie-Tochter, die stets schlecht gelaunt ist. Odette lebt ein glückliches Familienleben, ihr Mann ist zwar vestorben, aber sie hat sich Ersatz in den Romanen ihres Lieblingsschriftstellers und Kitschautors Balthazar Balsan gesucht. So schwelgt sie in Tagträumen über Balsans Romanen, bis dieser in der Stadt eine Autogrammstunde gibt. Odette fährt hin, bekommt aber beim Signieren ihres Buchs nicht mal ihren Vornamen über die Lippen. Um sich dafür zu entschuldigen, schreibt Odette Balsan einen Brief.
Scheint Balsan ihr auch unerreichbar und fern, so ahnt Odette nicht, dass ihr Held große Probleme hat. Seine Frau betrügt ihn, sein Sohn schämt sich für den Vater und sein Verleger wendet sich von ihm ab, als Balsan in einer öffentlichen Kritik zerrissen wird. Das sorgt dafür, dass Balsan versucht sich umzubringen. Aber auch das klappt nicht. Als er aus der Klinik entlassen wird, will er sein Leben neu ordnen und stößt auf Odettes Brief. Balthazar braucht einen Menschen, der ihn liebt, wer käme da eher in Frage als Odette? So steht der Schriftsteller eines Tages vor Odettes Tür und eine atemberaubende Geschichte von Glück, Liebe, Missverständnissen, Vertrauen und Familie beginnt...
Eric-Emmanuel Schmitt hat Odette Toulemonde verspielt und himmlisch leicht gefilmt. Auf der Suche nach dem Glück unterhält uns Schmitt mit surrealen Tanz- und Gesangseinlagen seiner Odette, nach Josephine Bakers Musik, dass es uns kuschelig warm ums Herz wird. Er lässt Odette fliegen oder Schminkstifte Ballett tanzen. Was sich hier vielleicht bizarr anhört, passt sich in den Film so gnadenlos gut ein, dass es kaum zu glauben ist. Odette ist die Amelie Version für Erwachsene, ein bisschen ähnlich, aber doch ganz anders. Wie Schmitt dann auch noch einen Jesus einbaut und Odette über ihr Leben sinnieren lässt, das ist Kino der Extraklasse. Catherine Frot und Albert Dupontel brillieren in ihren Rollen, aber auch die Nebenschauplätze sind mit hervorragenden Mimen besetzt.
Wie die französischen Filmemacher es immer wieder schaffen, solch kleine Juwele in die Filmwelt zu entlassen, wird mir ein Rätsel bleiben. Aber so lange das nicht aufhört, werde ich mich nicht beschweren. Vergessen sie so manch einen Streifen, der hochgelobt und schwierig daherkommt und gönnen sie sich einen Ausflug zu Odette Toulemonde. Wenn sie das nicht mitnimmt und dazu animiert, eine Runde mitzufliegen, ich weiß nicht... vielleicht schaffen sie es dann niemals glücklich zu werden.