Man hatte bei Kool Savas fast schon den Eindruck, dass er seinen Zenit überschritten hatte und als bester deutscher Rapper in die Geschichte eingehen würde, der nie ein wirkliches Klassiker-Album zustande gebracht hat. Stattdessen hat er sein Talent auf Nebenprojekte konzentriert wie den Optik-Sampler, das John Bello Mixtape und ähnliches. Man konnte beinahe denken, er würde die Herausforderung, ein richtiges Solo-Album so produzieren und sich daran messen zu lassen, scheuen. Das ist ja bei Samy Deluxe nicht viel anders, der sein Label pusht, Mixtapes veröffentlicht und sich zudem dem Klammottendesign widmet. Doch Kool Savas' Erfolgshunger war wohl noch nicht gänzlich gestillt und er hat sich noch einmal aufs Wesentliche besonnen. Und gibt mit dieser Haltung hoffentlich auch die Richtung für Leute wie Samy vor. Denn an "Tot oder Lebendig" muss sich jeder, in näherer Zukunft veröffentlichende MC und natürlich auch Savas selbst messen lassen.
Das war er sich wohl auch selbst bewusst, denn er hat im Stile eines Perfektionisten an seinem Album gefeilt. Keine zweitklassigen Beats, Lückenfüller-Tracks wurden ersatzlos rausgestrichen, und statt nichtssagende Phrasen zu dreschen, gibt es in jedem einzelnen der 12 Tracks klare Statements. Man kann wirklich bei jedem Song spüren, welchen Ehrgeiz Kool Savas nochmal aus sich herausgeholt hat. Er setzt sich ab von den Rappern, die fünf überflüssige Skits, lieblos hingerotztes Intro und Outro und 10 Mittelmaß-Tracks aufs Album packen, nur um den Eindruck zu erwecken, viel Material am Start zu haben. Savas macht es genau richtig und verzichtet auf all diesen Kram - und nur so kann ein Klassiker entstehen.
Schon die Vorabsingle "Der Beweis", obwohl bei weitem nicht der beste Track des Albums, ist eine klare Ansage, mit welcher Power sich Savas zurückmeldet. Wer den Song laut aufdreht, wird fast in den Sessel gedrückt, so geflasht ist man von Savas' Über-Flow und seinen knallharten Reimen. Auch der Beat mit seiner düsteren Atmosphäre verstärkt die Wirkung dieses Titels. Kein Track auf dem Album fällt wirklich ab, aber es wäre zuviel des Guten, hier jeden einzelnen detailliert zu analysieren. Herauszuheben sind vielleicht noch "Tot oder Lebendig", mit einem Hammer-Beat von Melbeatz ausgestattet, "Mona Lisa", wo der atemberaubende Flow von Kool Savas nochmal perfekt zur Geltung kommt, und "Krank", wo Savas die Missstände in der deutschen Gesellschaft treffend auf den Punkt bringt. Und "On Top" mit Azad ist ebenfalls Gänsehaut pur.
Savas hat mit "Tot oder Lebendig" einfach fast alles richtig gemacht. Keine zweitklassig zusammengewürfelten Beats, die peinlich und krampfhaft versuchen, US-Rap zu imitieren. Keine dürftigen Features, die nicht zu Savas passen oder nicht mit ihm mithalten können. Beat, Hook, Reime, Flow: Bei jedem einzelnen Track sind diese Elemente perfekt abgestimmt und immer weit über dem Durchschnitt. Ohne allgemeingültige Vorgaben aufstellen zu wollen: Das Album zeigt allen MCs in Deutschland, wie man ein richtig gutes Album zu machen hat und ist das Beste was seit langem in Deutschland veröffentlicht wurde. Aus diesem Jahr kann allenfalls Olli Banjos "Lifeshow" noch phasenweise mit "Tot oder Lebendig" konkurrieren. Ich muss sagen, dass Savas bei mir bisher Beachtung fand, weil sein unglaubliches Potenzial und Talent unbestritten waren. Nun, nach "Tot oder Lebendig", habe ich tiefen Respekt vor diesem Mann und seiner Leistung. Und das eingangs erwähnte Klassiker-Album hat er damit auch zustande gebracht.