Zur Kostprobe auf Klopstocks „Oden“: Literaturgeschichtlich eine Pflicht, ein Positionslicht der kulturellen Melange beziehungsweise Orientierungsgrößen: christlich, griechisch, germanisch. Dem poetischen Genre seiner Zeit waren sie eine neue Impulskraft und ermöglichten sich fortentwickelnde Variationen und Spielformen der Poesie. Heute sind sie ein mehr klassischer Rückbezug und eine Lehrwerkstatt für die Analyse und ein Übungsfeld in Bezug auf Sprachmodus und poetische Erschlossenheit.
Leseeindruck aus heutiger Sicht: Ein Pathos, für ein abgehobenes Publikum intoniert, in Oden gegossen, schwerfällig und ungelenk, lebensthematisch breit gestreut und reflexiv eingefangen, das nimmt sich wie eine gute Mentalitätsspiegelung jener Zeit aus. Der Bildungsphilister in seiner Gewichtigkeit, eingeklemmten Lebendigkeit, selbstverdrängten Gefühlswelt, unerfüllten Sehnsucht, punktuellen Wahrnehmung von Wichtigkeiten und sich erlaubenden Hass-Ansage gar oder in seinen Sphären schillernder, nichtiger Abstraktionen!
Das Ganze so hochgehoben, entrückt und langweilig gedehnt, dass der „Sturm und Drang“ darauf als Reaktion der jungen Geister mehr als verständlich wird. Das Verlangen gilt der unmittelbaren Lebensnähe, dem eigenen Lebensgefühl, nicht als Appendix, sondern als Plot, authentisch-direkt, gegen das Folterbrett der nichtssagenden, streckenden Form, die dem begehrten Eigentlichen nur noch das Zipfelchen belässt. Indes: Diese philisterhaft gestelzte Lebenswirklichkeit hat es im damaligen gesellschaftlichen Kontext tatsächlich gegeben, ist gewissermaßen dann auch Anknüpfungspunkt für Aufarbeitung, Aufklärung und Einflussnahme auf Geisteshaltungen „erlauchter respektive gebildeter Kreise“.
Lessing, einem aufklärerischen Impetus folgend, steht da Klopstocks gehobenen Bemühungen näher als der aufbegehrende „Sturm und Drang“ und hat Klopstock einen zweckdienlichen Spruch gewidmet, sicherlich auch in eigener Sache: “Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? - Nein. Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“
Lessings Statement gibt sich als Empfehlung für das literarisch-historische Interesse an Klopstocks „Oden“ weiter.
Hineinschnuppern lohnt sich. Auswahl, Anmerkungsapparat und Nachwort zur Lektüre hat K.L. Schneider gut besorgt.