- Eine Frau auf dem Weg zur Freiheit, eine Frau für die neue Zeit -
Zentraler "Gegenstand" des psychologisch vielschichtig strukturierten Werkes ist die norwegische Künstlerin Oda Krogh, die sich als "Prinzessin der Bohème" genauso wie als anerkannte Malerin einen Namen machen sollte.
Hineingeboren in ein konservatives Elternhaus, verlangte Oda bereits frühzeitig und ungeniert die gleichen Rechte wie zum Beispiel ihr Bruder, schlägt aber vorerst den vorgezeichneten Lebensweg ein. Sie heiratet früh und bekommt zwei Kinder.
Als jedoch ihr innig geliebter Bruder stirbt, den sie die letzten Wochen aufopferungsvoll pflegt, prägt dies ihr weiteres Leben nachhaltig.
Oda wird Schülerin und spätere Geliebte des Malers Christian Krogh. Die Trennung von ihrem Mann sollte sich jedoch noch lange und schmerzhaft hinziehen.
Auch ist das ausgehende 19. Jahrhundert von großen politischen Veränderungen gezeichnet. Die Gruppe der Kristiania-Bohème gründet sich, welche die bürgerliche Gesellschaft und ihre Moral ablehnt sowie sexuelle Freiheit und soziale Gleichheit propagiert und zu der viele Künstler (u. a. Edvard Munch) und Intellektuelle zählen. Oda wird bekennendes und aktives Mitglied. Mit dem führenden Kopf, dem Schriftsteller Hans Jäger, beginnt sie eine obsessive Liebesaffäre. In diese, von ungesunder Abhängigkeit geprägte Dreiecksbeziehung, stößt gleichfalls Christian Krogh.
Schonungsloses Zeugnis gibt Ketil Bjørnstad, indem er den Briefwechsel Odas mit Jäger in sein Romankonstrukt einflicht. Wie überhaupt einige Originalbriefe sowie die Ich-Form von Zeit zu Zeit die auktoriale Erzählform aufbrechen. Diese Wechsel spiegeln großartig die tiefe innere Zerrissenheit der jungen Frau wieder.
Übermäßiger Alkoholgenuss, Depressionen und unerträgliche Stimmungsschwankungen sind an der Tagesordnung. Ihre Beziehung zu Christian Krogh bekommt einen tiefen Riss und sollte nicht mehr gekittete werden können. Trotzdem heiratet sie ihn, mehr aus Angst und aus moralisch-gesellschaftlichen Aspekten.
Oda wird Zeit ihres Lebens keine innere Ruhe und Einkehr finden. Aus ihrer permanent gefühlten Abhängigkeit von unterschiedlichsten, ihr nahe stehenden Menschen, kann sie sich nie lösen. Ihrem inneren Gefühlsinferno ist sie nicht gewachsen. Meist wählt sie die Flucht: in verschiedene Orte Europas (Dänemark, Belgien, Berlin, Paris) und/oder in die Arme von anderen Männern (die Schriftsteller Jappe Nilssen, Sigbjørn Obstfelder, Gunnar Heiberg). In vielen Romanen dieser Männer wird sie zentrales Hauptthema sein. Aber eine eigene, persönliche Identität wird sie sich - außer in ihren Bildern - nie schaffen können.
Erst spät stellt Oda Krogh fest, dass es nicht Unabhängigkeit war, was sie suchte, sondern Bindung. 1935 stirbt diese Frau, zwar berühmt, aber einsam.
Gefühlvoll und klug, manchmal sperrig, aber größtenteils flüssig zu lesen, zeichnet der Autor neben dem großartigen Bild dieser zerrissenen Frau und Künstlerin, auch ein wunderbares Zeitzeugnis des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Norwegen und Europa und bietet einen großartigen Einblick in die Künstlerszene der damaligen Zeit sowie der anti-bürgerlichen Bohème.
Den Musiker (Bjørnstad macht sich neben seiner Karriere als Schriftsteller auch als erfolgreicher Pianist und Komponist einen Namen) merkt man dem Autor in dieser großartigen Romanbiografie deutlich an. Er spielt eine wunderbare Klavierpartitur, setzt manchmal kurze Sätze und Wörter als Töne und Akkorde, um dann wieder lange Melodien, die sich über mehrere Sätze erstrecken, einzuflechten. Aber gerade diese arhythmische Komposition verleiht dem Buch seinen besonderen Reiz. Der rote Lebensfaden der zerrissenen Künstlerin bleibt allseits präsent.
Großen Anteil am Gelingen hat gleichfalls die Übersetzung aus dem Norwegischen von Lothar Schneider, der den musischen Ton von Bjørnstad flüssig ins Deutsche übertragen hat.
Wenn der Autor seine Protagonistin schlussendlich sagen lässt: "Ich habe dir eine Geschichte über das Leben erzählt, nicht so, dass es seine Struktur in einem Kunstwerk findet, sondern so, dass es unstrukturiert an uns allen seine Spuren hinterlässt und vielleicht am meisten bei denen, die sich weigern, Zuflucht in etwas zu suchen, das sie nicht sind.", so treffen diese Worte zu 100% auch diese Romanbiografie.
Fazit:
Ketil Bjørnstads "Oda" ist das großartige und melodische Aufspüren der Geschichte eines gelebten Lebens, die Rekonstruktion einer Selbstbiografie, die nicht vollendet wurde.
Eine Geschichte über den Platz der Liebe in unserem Leben, über Befreiung, Machtkampf und Verstellung sowie über die Kunst, wahrhaftig zu leben.