Gentle Giant kannte ich bis vor kurzem nur vom Hörensagen, wurden sie von Insidern doch immer in einem Atemzug mit Van Der Graaf Generator oder Jethro Tull genannt. Das Album Octopus ist bisher das Einzige, das ich von Gentle Giant besitze, aber ich denke, es wird nicht mein letztes Album von der Band sein.
Ich war zunächst vom Ideen-Overkill völlig überfordert, obwohl ich selbigen ja durch Jethro Tull (zu "A Passion Play" Zeiten) oder Van Der Graaf Generator gewöhnt war. Nur was Gentle Giant hier fabrizieren... In kurzen Songs mehr Prog-Rock hineinstopfen, als andere Bands es in 20 Minuten Longtrack vermögen. Achterbahnfahrt der Instrumente. Mittelalterlicher Minnesang, Jazzgefrickel. Funkig angehauchter Rock Groove. Hammond Orgel, Geige, Cello, Blockflöte, Xylophon, mehrstimmiger Akappela Gesangsakrobatik, etwas Trompete, sich unabhängig voneinander umgarnende Melodien, sparsam eingesetzte E-Gitarre, pumpender Bass, sehr akzentuiertes Drum-Spiel im besten Bruford-Stil. Hier und da schimmern trotz aller Komplexität die Beatles durch mit Mitsingmelodien, die sich im Klangdschungel herauskristallisieren.
The Advent Of Panurge sei als herausstechender Song genannt, der eben alle oben genannte Elemente vereint. Eingeleitet von einer halsbrecherischen Gesangsakrobatik, der man kaum folgen kann. Sehr dezentes, jazziges Gitarrenspiel, ein veworrenes Rhythmus-Gerüst, Jazz trifft Mittelalterlichen Minnesang.
Auch "The Boys In The Band" ist ein halsbrecherisches Instrumental, welches beim ersten Hören den Hörer eher abschreckt, sich bei intensiven Hörkuren aber langsam steigert. Hier spielen scheinbar alle aneinander vorbei und doch alle zusammen. Ein Jam. Strawinsky-Dissonanz trifft Prog.
"Think Of Me With Kindness" ist das balladeske und melodische Gegengewicht zu so viel Exzentrismus. Ruhig, erhaben, angenehm, umschmeichelnd. Klavierdominiert.
"Knots"... Eine Achterbahnfahrt für die Ohren. Gentle Giant loten hier das aus, was Yes später mit ihrem Song "Soundchaser" (1975) oder Jethro Tull mit ihrem Semi-Musical-Prog "A Passion Play" (1973) fortführen würden. Kaum zu greifen, amorph und dennoch präsent. Hier spielen die Musiker miteinander offenbar Räuber und Gendarmen und ihre Instrumente verfolgen sich gegenseitig, umgarnen sich, drehen sich im Kreis oder beschreiben verworrene Kurven. Hat etwas von Van Der Graaf Generator, klingt aber weniger organisch, weil sich nicht so leicht nachvollziehen lässt, wer hier grade welches Instrument spielt.
Alles in Allem ist "Octopus" sicherlich ein einzigartiges Album, welches sich nur schwer in Worte fassen lässt und Lust auf Mehr macht. Meine Kaufempfehlung hat das Album der Schulman Brüder.