Da haben wir es ja: „Octavarium". Ein Titel der mir schon beim bloßen hören das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Es ist eigentlich immer so, dass man als fan einer Band wie dumm auf Neuerscheinungen wartet. Gerade Dream Theater haben da ja in den letzten Jahren für sehr viel Wirbel gesorgt. Man bedenke nur mal die gute aber untypische „Six Degrees Of Inner Turbulence" (CD1) oder „Train Of Thought" Härte, oder aber das kitschige Gesamtwerk der zweiten CD von „Six Degrees Of Inner Turbulence". Etwas neues muss her und das kriegt man ein weiteres Mal in Form von „Octavarium". Alle Songs im Überblick:
„The Root Of All Evil" folgt dem thematischen, und auch musikalischen Konzepten der Songs „The Glass Prison" und „This Dying Soul". Letzteres wird auch einmal im Song zitiert. Gleich am Anfang geben die Jungs um Petrucci alles: Portnoy drescht auf die Drums, dass es nur so kracht, Myung hat ein paar erstklassige Passagen am Start und Petrucci ist wie immer eigentlich unschlagbar. LaBries Stimme ist dem Song deutlich besser abgepasst als bei den zwei Vorgängern. „The Answer Lies Within" ist die Ballade des Albums und meiner Meinung nach die beste seit dem Album „Scenes From A Memory". Aufgelockert wird der Song deutlich, wenn man so will, durch den leichten orchestralen Bombast. „These Walls" ist wohl DER Ohrwurm des Albums. Eins ist jedenfalls klar: wenn DT versuchen Bombast einzubauen, gelingt das grundsätzlich. Besonderes Lob gilt in diesem eher verklärten leicht melancholisch angehauchten Song deutlich Rudess und seinem Keyboard, aber auch James LaBrie der so gut singt wie selten zuvor. Besonders bei der sich stetig aufbauenden Bridge, die in einem wohlschmeckenden Brei aus den Zutaten Petrucci, Rudess und vor allem Portnoy endet, ist Gänsehautstimmung garantiert. Könnte einer der Songs werden, der mal zu den Dream Theater Klassikern gehören wird. Der nächste Song ist „I Walk Beside You" und reiht sich in Werken wie „Innocence Faded" oder „You Not Me" ein, schlägt aber vor allem zweitgenanntes mühelos. Eine Nummer, die auch locker als Single erscheinen könnte, doch Dream Theater wären nicht Dream Theater, wenn man nicht etwas mehr als Radiokost erwarten dürfte. Besonders Jordan Rudess gibt dem Song kurz vor den Refrains einen sehr schönen Touch und John Petrucci versteht es grandios mit seinem Gitarrenspiel hervorzustechen, selbst wenn ein anderes Instrument oder James LaBrie im Vordergrund ist. Insgesamt eine, für Dream Theater eher untypische, radiotaugliche Nummer. „Panic Attack" fängt mit Myungs bass an und mündet im brachialen Gewitter der Portnoy Drums. Hört man diesen Song, weiß man, dass Dream Theater ein Gleichgewicht aus ihren traditionellen Alben und „Train Of Thought" gefunden haben. „Panic Attack" ist eines der technischsten Lieder des Albums, dominiert von Myungs Bass, pfeilschnellen Drums und einem selten so aggressiv gehörten John Petrucci. Immer wieder drängelt sich Rudess in den Song ein, bombardiert den Hörer mit schnellen Keyboardpassagen. Und, was ganz schön ist, es gibt ein superbes Petrucci Solo. Insgesamt eines der wutentbranntesten, verrücktesten Werke des Traumtheaters. „Never Enough" beginnt mit einem gedämpften Bass bevor Petrucci und Portnoy einsteigen. Rudess und eine leicht verzerrte LaBrie Stimme folgen. Der Song gewinnt mit der zeit immer mehr Dramatik bevor er nach dem Refrain wieder von der Gitarre und den Drums auf den Boden der Tatsachen geholt wird. „Never Enough" ist eine weitere Up-Tempo Nummer, allerdings nicht so hämmernd wie „Panic Attack". LaBrie nervt ein bisschen, aber das verschmerzt man spätestens bei dem bombastischen Gitarrensolo. „Sacrified Sons" beginnt ähnlich wie damals „The Great Debate" mit einigen Stimmfetzen, während sich im Hintergrund langsam etwas anbahnt. Doch statt dem erwarteten Ausbrauch von Portnoy oder Petrucci, beginnt alles recht ruhig und balladesk mit Rudess und LaBrie. Eine Spannung liegt deutlich in der Luft, die man spüren kann. Wow, so was können echt nur Dream Theater. Und tatsächlich: Myung zupft hart am Bass und zusammen mit Petrucci lassen sie den zweiten Teil des Songs schon ganz anders aussehen. Auch Portnoy wird etwas winder, während Rudess kaum noch und LaBrie gar nicht mehr zum Zuge kommt. Dann setzt auch wieder das Orchester ein und treibt „Sacrificed Sons" in Höhen wie wir sie von Dream Theater erwarten. So was hat man zuletzt auf „Scenes From A Memory" hören dürfen. Am Ende kommt noch mal James LaBrie zum Zuge und treibt zusammen mit dem orchester und dem gesamten Team den bereits gehörten „ersten teil" des Songs zum Ende. Ein episches Werk, großartig! Mit dem 23:59 Minuten langem „Octavarium" kommt nun der Longtrack. Mal vorneweg: ein zweites „A Change Of Seasons" darf man nicht erwarte, aber auch glücklicherweise kein „Six Degrees Of Inner Turbulence" (CD 2), auch wenn „Octavarium" oftmals an die Overture jenen Albums erinnert. Zu sagen gibt es hier eigentlich nur: ein musikalisches Abenteuer, das trotz seiner Länge und der Tatsache von Dream Theater zu sein, flott ins Gedächtnis geht, kurzweilig und eingängig ist. Das fängt beim psychedelischem, fast schon floydisch-elegischem, Gitarrenintro an, endet irgendwann in einem Mix aus saugeiler Instrumentbeherrschung und Orchester, und bringt zwischendurch auch mal ein „Scenes From A Memory" Zitat, nämlich aus „The Dance Of Eternity". Insgesamt ist der Song zwar facettenreich, doch es überwiegen deutlich die balladesken Aspekte. Das passt LaBrie natürlich gut, ist er doch eher für die ruhigen Töne geeignet. Es ist fast schon so, als wollen DT ihren perfekten Song schaffen und keine Risiken eingehen. Das ist ihnen gut gelungen, aber ob das hier perfekt ist, sei mal dahingestellt (ich finde nicht). Dennoch ist „Octavarium" ein Song, der mich am Ende aus dem Sofa gehauen hat und mir die Worte „Ja, „meine" Dream Theater sind wieder da!!!" entlockte. Ein ganz besonderes Hörerlebnis. Für Dream Theater Fans ist dieses Werk eh Pflicht. Zu schön um wahrzusein: weder Fans der ersten Stunde noch „Train Of Thought"-Neulinge werden hier enttäuscht werden. Doch dass mich keiner versteht: „Octavarium" ist kein zweites „Images And Words" oder „Awake". „Octavarium" ist „Octavarium" und reiht sich mit Eigenständigkeit, Modernität. Innovationen und dennoch bestehender Dream Theater Tradition in die Reihe ihrer Meisterwerke ein. Schon jetzt das Album 2005 für mich.