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Zwei Quartette für Oboe, Violine, Viola und Cello bilden den Rahmen des Programms dieser Doppel-CD, zwei Oboenquartette, deren Charakter sehr verschieden ist. Der Südkoreaner Isang Yun komponierte seines 1994, im Jahr vor seinem Tod. Der dreiteilige Aufbau mit langsamem Mittelteil erinnert an die traditionelle Gliederung mehrsätziger Werke innerhalb der abendländischen Klassik. Strukturell spielen allerdings andere Techniken eine Rolle: Glissandi lösen die vertraute Definiertheit der Tonorte auf, ohne dass der Hörer dabei die Orientierung verliert.
Yun entwickelt und entfaltet seine Musik aus Klangzentren, verwendet dazu jedoch andere Mittel als die uns vertraute Harmonik und Polyfonie. Besonders im zweiten Satz wird dies unmittelbar zum Erlebnis: Dem Einzelton-Ereignis wird hier eine große Bedeutung zuteil, wobei der Gesamtzusammenhang gleichzeitig nie verloren zu gehen droht. Dieses Quartett war Isang Yuns letztes Werk -- er starb bald nach seiner Fertigstellung an den Spätfolgen der Folter, die er in seiner südkoreanischen Heimat zu erdulden hatte. In dem ebenfalls enthaltenen Oboen-Solo "Piri" aus dem Jahre 1971 verarbeitete Yun Erfahrungen aus der Zeit seiner Inhaftierung. Heinz Holliger präsentiert eine eindringliche, höchst engagierte Interpretation dieses fesselnden Monologs.
Elliott Carters einsätziges "Oboe Quartet" ist im Vergleich zu Yuns Oboenquartett diesseitiger, beredter und lebendiger. Mit geradezu romantischer Intensität und Leidenschaftlichkeit lässt Carter die vier Instrumente interagieren und kommunizieren; sämtliche Möglichkeiten der dialogischen Kombination werden durchgespielt, wobei die zwei übrigen Spieler jeweils das vorgestellte Duo begleiten. Vier monologische Werke (zwei für Cello, eins für Violine, eines für Englischhorn) aus der Feder Elliott Carters ergänzen das ausgesprochen dichte und mitreißende, von Holliger und den drei Streichern tadellos musizierte Programm dieser Doppelbox.
Ein hervorragender Beiheft-Aufsatz von Philippe Albéra beleuchtet Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Schaffen Yuns und Carters. Insgesamt erschließen sich so dem Hörer bedeutende Aspekte der Musik des 20. Jahrhunderts, und dies auf sehr unmittelbare, erlebnisartige Weise: Besser kann man moderne klassische Musik nicht vermitteln. --Michael Wersin