Diese Auto-Biographie ist wohl ein Buch, die Leseerfahrung entspricht aber eher einem geradezu beschämend guten Trip; von einem Autor, dies spürt man auf jeder Seite, für den Automobil und Rausch eng beisammen liegen - und der auch nicht zögert, dies der modernen, von Autos beherrschten Welt insgesamt zu unterstellen. "Unsinn pur, Brettern mit 200 KmH als raison d'être", wie Matthias Penzel a propos der automobilen Film- und Aktionklassiker "Death Proof" und "Vanishing Point" formuliert. Ein Unsinn, der auf vielen Seiten (und Strassen) einfühlsam und mitreißend beschworen wird - das Buch ist nicht zuletzt beeindruckendes und ausuferndes Kompendium einer surrealen Modellvielfalt, die einen bewusster auf die Strasse blicken lässt: warum gibt es so viele verschiedene Autos, und welche tieferen Bedürfnisse werden damit eigentlich befriedigt?
So wenig wie es auf unseren Strassen augenscheinlich um den Transport von A nach B geht, so wenig folgt die Auto-Biographie einer linearen Zeitstruktur - geschweige einer systematisch-thematischen Nachschlagelogik. Der Umfang ist immens, doch Informationen auf Abruf gibt Penzel keine Preis (manchmal schade, nicht zuletzt beim Verfassen dieser Rezension): die Auto-biographie entspricht eher einer multi-dimensionalen Assoziationskette, die sich Listen, Exkursen, Kritiken, Statistiken, Abbildungen, Slogans und anderen Pop-Affinen Stilmittel bedient. Durchgehend allein der flotte, ironisch-liebevolle Stil, der sich sicherlich auch Penzels beeindruckenden journalistischen Erfahrungen verdankt, u.A. war er Ex-Chefredakteur von "Formel 1 Racing".
Von der kontroversen Einführung des Sicherheitsgurtes ("Gefesselt im Auto?" titelte damals der Spiegel, das Titelbild ist wie viele andere Zeitschriften, Aufkleber, Film- und Werbeplakate, im Buch abgebildet), über die bevorzugten Autofarben der Deutschen (von den Orange-dominierten 70ern, zu den rot-grau-weißen 80ern, hin zu 45,3% Silbergrau 2005), bishin zur Entwicklung der Stromlinienförmigkeit durch die nach dem ersten Weltkrieg (aufgrund des Abkommen von Versailles zur Arbeitslosigkeit verdammten) Zeppelin-Ingenieure. Es fällt mir schwer, repräsentative Beispiele herauszugreifen, da die Auto-Biographie fast nur aus solchen besteht. Liegt darin eine mögliche Schwäche dieses Buches?
Zwischen den Zeilen und Seiten - die von höchst kompetenten Typographen so gut und poppig gesetzt und gelayoutet wurden, dass man meine könnte, das Telefonbuch sei zum Playboy mutiert - lungert aber vielleicht doch ein Notbremsen-artiges Narrativ, oder zumindest etwas wie eine Turbo-These. Immer wieder, auch im "Rückspiegel" des Titels, lässt Penzel durchblicken, dass nicht nur er das Auto bereits im Modus der Vergangenheit betrachtet; wer will sich heute noch PS-stark zum Auto bekennen, dessen gestalterisches Potential und ökologische Tragfähigkeit allmählich erschöpft wirken? Die Antwort sei dahingestellt, das Lesen der Autobiographie aber nicht nur Auto-Freaks vorbehaltlos empfohlen - erst durch dieses Buch wird klar, dass im Auto ein ganzes Kapitel Zivilisations-, Technik und Kulturgeschichte gebunden ist, ein Kapitel, das nur darauf wartet herauszuplatzen, wenn wir es nächstens wieder mal wagen, das Handschuhfach zu öffnen.