Stuttgart 21 braucht die sachliche Diskussion. Egal, ob einer dafür ist oder dagegen. Auch für mich war es "er- und abschreckend" (S.9), wie ausgerechnet die Gegner des Projekts mit geradezu menschenverachtender Polemik für ihr Anliegen gestritten haben. Hier war die Grenze der Demagogie weit überschritten. Und das trotz einem eigenen Anspruch der moralischen Überlegenheit. Es hat meines Erachtens der Protestbewegung auch erheblich geschadet, deren Ziele an und für sich ja durchaus vertretbar und begründbar sind. Und in einer Demokratie zum Diskurs dazu gehören.
Angesichts der Bücherflut, die Stuttgart 21 extrem kritisch sieht, inklusive mehrerer Krimis, zeichnet es den Autor Lutz Aichele aus, endlich ein Pro-Buch auf den Markt geworfen zu haben. Das wurde Zeit, um der demokratischen Diskussion willen. Denn jede Vereinseitigung blockiert wichtige Prozesse zur Findung der besten Lösung und hat meinungs-diktatorische Züge.
Lutz Aichele tritt klar für Stuttgart 21 ein. Er spielt mit offenen Karten. An mancher Stelle auch ein wenig polemisch, nie jedoch wird er ehrenrührig oder diffamiert Andersdenkende. Im Gegenteil. Nicht nur der Anhang mit einem kommmentierten Verzeichnis weiterführender Literatur und weiterer Informationsquellen ist ein Beispiel an Fairness und Redlichkeit, trotz aller Kritik.
Die Stärke des Buchs sind die umfangreiche Sichtung des Materials, die genaue Prüfung von Argumenten und vor allem die Widerlegung von Legenden und Mythen rund um das Gesamtkonzept Stuttgart 21. Auch dass es eben ein weitreichendes Gesamtkonzept ist, stellt Aichele zurecht immer wieder heraus. Leider wird Stuttgart oft willkürlich auf Einzelaspekte reduziert. Reduktion oder Simplifizierung ist eine demagogische Technik, Aichele dagegen differenziert und betont die Komplexität.
Der Umfang des Buchs verhindert selbstverständlich, dass Aichele der Komplexität immer gerecht werden kann. Aber dafür verweist er auf weiterführende Informationsquellen und sein Urteil bleibt überprüfbar. Auch in bezug auf die Alternativen (!), genannt K21 für "Kopfbahnhof 21", schaut Aichele auf überprüfbare Fakten - und es ist ernüchternd, wie wenig konkret K21 ist. Aichele macht deutlich: der allergrößte Mangel der Kritiker ist gewiss die Tatsache, dass sie keine überprüfte, durchgerechnete und umfassend geplante Alternative vorweisen können. Auch Broschüren und Bücher zu K21 bestehen - bisheriger Stand - zu 90 % aus der Kritik an Stuttgart 21 und, weniger hilfreich für die Sache, aus der Kritik an unserem politischen System oder aus philosophischen Gedankespielen. Ohne echte, baubare Alternative bringt das nichts.
Die Schnelligkeit aufgrund der Aktualität hat zu einigen formalen Flüchtigkeitsfehlern geführt, das ist verzeihlich, weil so ein Werk schnell in die Diskussion geworfen werden muss. Der eiligen Produktion sind wohl auch Mängel in der Struktur geschuldet: wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Aichele kann manchmal nicht abwarten und verhandelt Sachverhalte lange bevor das entsprechende Kapitel kommt, das wirkt chaotisch. Andererseits macht es das Buch sehr lebendig, wie ein echtes Gespräch, wo man halt auch sagt, was einem noch dazu einfällt, und man oft gedanklich springt ... Ausgezeichnet dagegen die vielen Grafiken und Bilder, die die Argumente nicht nur illustrieren, sondern wirklich zu verstehen helfen. Auch und gerade Folien der Schlichtung.
Weniger glücklich bin ich über den langen Anlauf, bis Aichele sein Buch beginnen kann. Der Verleger hätte besser ein Nachwort geschrieben als ein Vorwort, in dem er außerdem, anders als Aichele, des öfteren den Polemik-Modus unnötig hochfährt.
Sehr gut dagegen das knappe aber aussagekräftige Geleitwort des grünen (!) Verkehrspolitikers Stefan Faiß, der seine positive Sicht von Stuttgart 21 aus ökologischen Gründen und von grünen Grundsätzen her prägnant darstellt - lesenswert für alle, die Stuttgart 21 nur aus einer Entweder-Oder-Perspektive sehen, nur schwarz-weiß malen - sorry, "grün-schwarz". Das Projekt ist weitaus differenzierter zu sehen. Es ist geradezu ein Fehltritt der Politik, das Projekt parteipolitisch vereinnahmt und instrumentalisiert zu haben. Nicht wenige Grüne gehören zu den Befürwortern von Stuttgart 21, von Anfang an.
Alles in allem ein wichtiger, sehr wichtiger Beitrag zur Sachdiskussion. Und zur Erinnerung an die Fakten, von denen viele in der Schlichtung schon festgestellt worden sind, aber in letzter Zeit (bewusst?) von den Projektgegnern wieder "vergessen" werden. Das Buch ist ein absolutes MUSS für Gegner und Befürworter von Stuttgart 21. Und bitte: den Polemikmodus jetzt allmählich zurückfahren und zur angemessenen Sachdiskussion finden.