Das lässt doch erst mal stutzig werden: Es sollen nicht die mutigen Visionäre sein, die ein Unternehmen in Zeiten permanenter Veränderungen, allgemeinen Chaos, geprägt von Unsicherheit an der Spitze halten? Es sind nicht die mit den meisten Innovationen und nicht die, die sich selber sofort einem radikalen Wandel unterziehen, nicht die kreativen, charismatischen, risikofreudigen Firmenchefs. Stattdessen soll die herausgestellten sieben Unternehmen mit einer außerordentlich erfolgreichen Performance über mindestens 15 Jahre folgendes auszeichnen: fanatische Disziplin, empirische Kreativität und produktive Paranoia!
An der Stelle lohnt es, das Buch nicht zweifelnd aus der Hand zu legen, wenn man nicht eh grundsätzlich daran glaubt, dass 9 Jahre Forschungsarbeit nicht vollkommen daneben liegen können.
Und ich bin mir sicher, dass im weiteren Verlauf, eine doch nachdenkliche Phase einsetzt, wenn im Vergleich zu weniger erfolgreichen Unternehmen genau diese Verhaltensweisen detailliert und anschaulich beschrieben werden.
Sehr beeindruckt haben mich persönlich auch die Hintergründe, warum Amundsen als erster Mensch den Südpol erreichte und Scott mit seiner Mannschaft stattdessen bei der Expedition ums Leben kam. Diese Analogie macht das aus den Forschungen abgeleitete Prinzip des 20-Meilen-Marsches, nämlich dass auch Amundsen genau nach diesem Grundsatz bei seiner Expedition zum Südpol vorging, nochmals bewegend deutlich. Amundsen legte, auch wenn das Wetter es erlaubt hätte, nie eine weitaus größere Strecke zurück, um nicht zu erschöpfen. Bei schlechtem Wetter allerdings gab es keine Pause, es ging weiter. Erfolgreiche Unternehmen und gerade die, die es bleiben, haben solche 20-Meilen-Märsche als unumstößliches Prinzip, als Performance-Rahmen, auch in Zeiten von Unsicherheit und Chaos.
Und diese dauerhaft überdurchschnittlich erfolgreichen Unternehmen verfolgen einen eher konservativen, risikoscheuen Ansatz. Auf der anderen Seite achten sie dafür viel mehr darauf, wie viel Zeit ihnen zu Verfügung steht, bis ihr Risikoprofil sich ändert ' und handeln dann einfach schneller.
Hinzukommt, dass diese Unternehmen über einen Handlungskodex, sogenannte SMaC-Praktiken (spezifisch, methodisch und kontinuierlich) als Erfolgsformel verfügen. Denn es findet natürlich in diesen Unternehmen Wandel statt, auch gravierender Wandel. Aber sie werfen eben nicht alles sofort und immer wieder über den Haufen, das SMaC-Rezept gewährleistet Kontinuität, ist ein Set dauerhafter Verfahrenspraktiken, die eine nachvollziehbare Erfolgsformel schaffen. Es bedeutet extreme Kontrolle, es erzwingt Ordnung inmitten einer chaotischen in Teilen außer Kontrolle geratenen Welt. Sehr anschaulich verdeutlicht das das Beispiel von Southwest Airlines, ein SMaC-Rezept nicht gefüllt mit den sonst üblichen nichtssagenden Floskeln, stattdessen bietet es in jedem Punkt spezifiziert einen klaren und konkreten Entscheidungs- und Handlungsrahmen.
Ziemlich überraschend, dass gegen Ende auch noch die Glücksfrage gestellt wird, ob diese Unternehmen nicht einfach mehr Glück im Laufe der Jahre hatten. Nein, hatten sie nicht. Und natürlich wird in einer seriösen Studie auch 'Glück' konkret definiert.
Allein mit den Anregungen in diesem Teil, sich nicht die Frage zu stellen, ob man Glück hat, sondern ob man einen hohen Return on Luck erzielt, lohnt schon dieses Buch. Auch nicht zu fragen, was ist mein größtes Glück, sondern wer? Das Glück, die richtigen Mitstreiter, Partner, Mitarbeiter, Freunde zu finden, wird als die bedeutendste Art von Glück herausgestellt. Die Aufforderung hochsensibel für Glück zu werden und sich die Frage zu stellen, was man tun kann, um aus jedem Glücksfall, aber auch Unglücksfall (den eigenen, nicht den der anderen) einen hohen Ertrag erzielen kann, macht dieses Buch zu einem, das zumindest in meinem Top-Bücherregal ganz oben steht. Und ich glaube sogar, da wird es bleiben. Vielleicht sogar immer!