"Ob wir wollen oder nicht" ist der Gedankenstrom eines verkrachten 68ers, der im Gefängnis landet. Otts Thema: Schuldig werden, indem man Dinge tut oder aber unterlässt. In Otts dritten Roman sind im Gegensatz zu den Vorgängern die Sätze ineinander verschlungen wie die Glieder einer Kette. Beinahe übergangslos greifen sie ineinander und der Verschluss ist in weiter Ferne. Oder er kommt gar nicht. Jedenfalls gibt es keine Auflösung eines Geschehens, das wie ein Krimi beginnt.
Der Ich-Erzähler wird verhaftet und landet als Zeuge und Verdächtiger eines blutigen Überfalls im Gefängnis. Die anderen Verdächtigen sind auf der Flucht.
Der Monolog beginnt damit, "dass ausgerechnet ich hier sitzen muss, ausgerechnet ich, in diesem Loch mit einem Waschbecken..". Nach einer kurzen Vernehmung sei sicher alles erledigt, was ein halbwegs vernünftiger Mensch sicherlich einsehen würde, beschwört sich Richard T. selber. Aber schon hier ahnt der Ich-Erzähler und mit ihm der Leser, dass dieser Mensch sich selbst betrügt.
"Kleine, krumme Geschichten", die er als Tankstellenpächter und Autoverkäufer am Laufen hatte, gibt er sich gerne zu, aber an seine große Lebensfrage scheint er nicht heran zu kommen. Im Gefängnis pendelt der einstige 68er zwischen Vertuschung, Larmoyanz und Gnadenlosigkeit. Er dreht sich im Kreis und richtete seinen Zorn nach außen und innen. "Mit sich allein dröhnen die Gedanken am lautesten", bemerkt der Gescheiterte. Jetzt muss er einsehen, dass das Entkommen vor sich selbst am schwierigsten ist. Falls er es einsieht.
Otts um sich selbst zirkelnder Monolog, den Feuilleton- Kritiker mit Thomas Bernhards Tiraden vergleichen, streben keiner Lösung oder Auflösung zu. Den engen, auswegslosen Raum findet der gestutzte Revoluzzer nicht nur im Gefängnis. Detailliert und in einer genauen, aber gar nicht blumigen Sprache schildert der Autor das Drumherum. Karl-Heinz Ott kann hinschauen und seine Beobachtungen wie nebensächlich formulieren. Das Dorfmilieu liegt dem Autor immer noch am meisten. Dort, wo man sich kennt und unter unvorhergesehenen Umständen ganz neu kennen lernen muss, bedeutet jede Veränderung unmittelbares Unwohlsein.
Treffend beschreibt Karl Heinz Ott das Unwohlsein des Polizisten Walter, den man natürlich kennt im Dorf, und der jetzt einen abführen muss, den er auch zu kennen glaubte. Die Amtsperson bricht dann durch "mit einem Gehorsam, der zwar grundlos, aber zur Gewohnheit geworden war". Und gleich darauf schwenkt Ott in das Gegenteil und beschreibt eine "gnadenlose Gerechtigkeitserregung".
Die Lektüre des Buches ist nicht ganz einfach wegen der zusammengeschachtelten Sätze. Also absolut keine Bettlektüre. Aber sprachlich ist Ott große Klasse und in seinen Worten und Satzschleifen ist spannungsvolle Musik drin.