Ja, noch eine Rezension über "Ok Computer" und noch dazu eine 5-Sterne Wertung. Da dieses Album jedoch solche riesigen, ja fast schon hysterischen Auswirkungen nicht nur für 'Radiohead' selbst hatte, will ich hier dann doch mal versuchen, dessen Stellenwert für Interessierte klarzustellen, denen das Album oder die Band bis heute nicht sonderlich bekannt sind.
Sie fingen eher bescheiden mit dem Debüt "Pablo Honey" an, das für Anfang der 90-er Jahre, genauer 1993, eine nette, kleine Indie-Rock Platte darstellte, die SEHR an 'U2' und 'R.E.M.' erinnerte und eigentlich für lange Zeit so niemanden hinter dem Ofen hervorlockte. Allerdings gab es diese eine unsterbliche Hymne genannt "Creep", die die Band (vor allem durch massive Forderungen bei amerikanischen Radiosendern angetrieben) dann doch in den Pop-Himmel hievte.
Als "One-Hit-Wonder" abgetan brachten sie dann schließlich 1995 ihr zweites Werk "The Bends" heraus, das den grungigen Rock des Erstlings durch perfekt produzierte Pop-Stücke ergänzte, die den Grundstein für den dann sehr typisch werdenden "schwermütigen" Charakter und gebrochene Soundstruktur der Band legte. Da allerdings zu dieser Zeit in den Medien der allseits bekannte Brit-Pop Streit zwischen "Blur" und "Oasis" vorherrschte, beachtete man dieses bemerkenswerte Album auf Kritikerseite eher zurückhaltend, große Fans der Band gab es allerdings schon hier. Jedenfalls erwartete man zukünftig nicht sehr viel von der Band, nur die aufsehenerregenden Videos brachten etwas Glanz.
Das änderte sich schlagartig mit diesem Werk hier, "Ok Computer". Das Jahr war 1997 und in der Welt herrschte eine sehr diffuse, kaum zu beschreibende Stimmung vor, wie man es eigentlich nur "fühlen" kann, wenn man es auch erlebt hat. Es war die Zeit, in der das Wort "Millennium" mit sehr negativen, ängstlichen Gedanken belegt wurde (ich kann mich noch sehr gut erinnern), so als würde man schon damals ahnen, was wir heute mit 09/11 bezeichnen. Endzeitstimmung.
Und diesen Kontext braucht man einfach, um die Relevanz des Albums nachvollziehen zu können, denn das Album transportiert all diese diffuse Mischung aus Zukunftsangst ("Airbag"), Paranoia ("Climbing Up The Walls)", Isolation ("Exit Music") und menschlicher Entfremdung ("Let Down"), was wir heute mit dem Begriff "soziale Kälte" bezeichnen. Die Band wurde zu einer Art Sprachrohr, zur Generationsmusik.
So wie vor ihnen "Nirvana" und vor denen "The Smiths"...
Aus der Generation X, die "Smells Like Teen Spirit" mit Metal-Wut im Bauch und Punk-Attitüde im Kopf ganz allgemein gegen Irak-Krieg, Ungerechtigkeit und gesellschaftliche Institutionen (Schule, Familie) schmetterte, wuchs die Generation Y, die resignierende Gegenseite, die, angeführt durch den alles erklärenden Song ("Paranoid Android"), gegen jede Kommerzialisierung des Menschen war und über die Unfähigkeit jedes Einzelnen im großen Ganzen, ob nun Politik ("Electioneering"), Gesellschaft ("Karma Police") oder Krieg ("Lucky") philosophierte.
Wichtig dabei ist, dass die Musik oberflächlich gesehen zwischen 'Nirvana' und 'Radiohead' sehr unterschiedlich wirkt, aber im Grunde den gleichen Ursprung hat, wie zwei Seiten einer Medaille. Während bei 'Nirvana' die Wut und der Selbstzweifel nach außen ins Große getragen wurden, wurden sie bei 'Radiohead' nach innen ins Kleine getragen ("Subterranean Homesick Alien").
Die teilweise negative Konnotation des Albums in Kritikerkreisen beruft sich dabei immer wieder auf die als spröde und zu "verkopft" bezeichnete Produktion von "Ok Computer"; Ein weiteres Zeichen seiner Zeit, denn die Band wollte mit diesen sehr befremdlich wirkenden elektronischen Sounds nichts weiter, als die schleichende Entmenschlichung durch Maschinen darstellen ("Fitter, Happier").
So kamen viele Vergleiche mit 'Pink Floyd' und deren konzeptionelle Herangehensweise an Musik hoch. Und tatsächlich spürt man schon beim ersten Hören, dass das Album nicht aus einer spontanen Jam-Session heraus entstanden ist, sondern dass es erst die Idee gab, wie die Gedanken zu vermitteln sind und danach die Musik geschrieben wurde.
Aus diesem Grund wird gerade heute von den meisten Leuten, die diese Zeit nicht nachvollziehen können oder wollen, die Musik der Band und vor allem das Album (zu recht!) als "weinerliche Kammermusik" und "depressive Selbstmord-Mucke" bezeichnet.
Auch wenn es böse gemeint ist, aber das ist die ideale Bezeichnung für diese Musik. Es ist die ideale Bezeichnung für die damalige Zeit und den damaligen geistigen Zustand, der auch noch heute in der immer stärker werdenden Anti-Kapitalismus und Anti-Globalisierungsstimmung mitschwingt. 'Radiohead' waren quasi die musikalischen Vorreiter davon ("No Surprises").
Erträglicher wird das Ganze ungemein, da trotz allen Lamentierens doch immer wieder auch ein Fünkchen Hoffnung aufblitzt. Neben ("Airbag"), ("Subterranean Homesick Alien"), (“Let Down“) und ("No Surprises") wird dies besonders durch den Song ("The Tourist") verkörpert, der völlig richtig das Album abschließt.
'Radiohead' wurden schließlich zu einer Band, die polarisiert.
Neben einer riesigen Fan-Gemeinde und übermäßigem medialen Hype, entstand eine kleine aber feine Anti-Radiohead Community, die gegen den jammernden Ton der Band eintrat.
Wie auch immer man nun also zu dieser Band und diesem Meilenstein stehen mag, man muss einfach die ausgesprochene Relevanz des Albums betonen. Besonders natürlich, wenn man all die Bands betrachtet, die nur aufgrund von 'Radiohead' und deren eigenen Sound inspiriert gegründet wurden (Muse, Coldplay, Turin Brakes,...)
Wenn man nur ein wenig die damalige Stimmung nachvollziehen kann oder sie kennen lernen will, ist dieses Album gar ein Muss! Aber auch einfach nur Musikinteressierte im Rock-Bereich sollten sich diesen Klassiker zu Gemüte führen, wenn sie die sehr eigenwillige Produktion und weinerliche (aber fantastische!) Stimme von Thom Yorke schätzen lernen können.
Wer jetzt so ohne weiteres Probleme mit dieser sehr spröden Art des Musikmachens hat, sollte sich doch zuallererst einmal das eingängige Vorgängeralbum "The Bends" geben, das die perfekte Pop-Seite von 'Radiohead' zeigt und gleichzeitig gut in die Schwermütigkeit einführt.
Das ist besser, als gleich mit dem schweren, fordernden Hammer 'Ok Computer' anzufangen. Bei Gefallen muss aber unbedingt dieses Album folgen und ich verspreche euch, einmal in die ureigenste Musik und tiefe Emotionalität von 'Radiohead' eingehört, wird man nicht mehr so schnell davon loskommen!
Aber es gibt ja noch die interessanten Nachfolgealben zu entdecken...