Filmtitel: Die Odyssee; L'Odissea; Odissea; L'Odyssee; Odiseja
Produktionsländer: Italien, Jugoslawien, Frankreich und Deutschland
Premiere: 1968
Mit: Bekim Fehmiu als Odysseus, Irene Papas als Penelope, Renaud Verley als Telemachos, Scilla Gabel als Helena, Roy Purcell als Alkinoos, Barbara Gregorini (Barbara Bach) als Nausicaa, Samson Burke als der Zyklopen-Riese Polyphemus, Juliette Mayniel als Circe, Fausto Tozzi als Menelaus, Rolph Boysen als Agamemnon, Ivo Pajer als Eurylochos, Marina Berti als Arete u.v.A.
Regie: Franco Rossi, Piero Schivazappa und (Mario Bava > Polyphem-Episode)
Literarische Vorlage: nach dem gleichnamigen dichterischen Epos von Homer
Musik: Carlo Rustichelli. Spezialeffekte: Mario Bava
Genre: Literaturverfilmung > Fantasy > Historien-Fantasy > Mythologie
Dreh-Locations: Italien und Jugoslawien
Die Musik versprüht eine schwermütige Stimmung, welche der langsamen Handlung der Verfilmung sehr entgegen kommt und ihr eine melancholische Schwere verleiht. Diese Serie ist nichts für effekthascherische Konsumierer, denn viel Wert wird darin aufgewendet auf das ruhige Zitieren aus Homers Dichtung nebst langsamen Bewegungen und Gesten der Akteure. Gesichter und deren Mimik spiegeln wider, was die Verse künden und im Innern vorgeht.
Die meiste Aufmerksamkeit wird dem Helden Odysseus entgegengebracht. In dieser Serie ist es sogar ein visuelles Erlebnis, dem halb Verhungerten beim langen, schmatzenden Essen zuzuschauen. Wer das nicht mag, möge die Verfilmung meiden. Diese Verfilmung kann also nur lieben, wer die Dichtung Homers visuell hören will. Lange werden die Texte und Szenendialoge gestrickt auf authentischen Webstühlen. Die Geschichte selbst beginnt gar nicht bei Odysseus selbst, sondern bei der auf ihn bereits 20 Jahre treu und in sehnsuchtsvoller Verschmachtung darbenden Penelope (Irene Papas). Die Freier der vermeintlichen Witwe stehen Schlange, lassen es sich im Atrium gut gehen und schmähen voller Verachtung den jungen Telemach, Sohn des Odysseus. Bekim Fehmiu als Odysseus ist einzigartig und unvergesslich. In seinem Gesicht spiegelt sich schon im Anbeginn List, Witz, Schlauheit, Mut, Stärke, Entschlossenheit. Diese Eigenschaften vermag ein Mensch der Balkanhalbinsel zu verkörpern, wie Bekim Fehmiu (1936 - 2010), Kosovo-Albaner und Ex-Bürger Ex-Jugoslawiens, der sich stetig zum großen Star entwickelte, doch ganz am Ende tragisch scheiterte, da er Selbstmord beging.
Die Figur des Odysseus wird in diesem Drama sehr ambivalent dargestellt, mit all seinen stürmischen, emotionalen Facetten. Seiner List des trojanischen Pferdes ist es ja zu verdanken, dass die Trojaner besiegt wurden (diese Szenen werden als nachträgliche Erinnerung von Odysseus in der Serie dargestellt). Jedoch offenbart dieser selbe schlaue und listige Odysseus auch seine ganze schmerzliche Reue über die Ermordung an den unschuldigen Bürgern Trojas. Es handelt sich also dabei um einen sehr menschlichen, emotional mitlebenden und mitleidenden Anti-Helden, der sich den verschiedenen Gegebenheiten des Schicksals entsprechend zu verhalten trachtet, um am Leben zu bleiben und zu bleiben Er selbst. Das wohlgesonnene oder feindliche Walten der Götter rund um sein Leben und das seiner Getreuen, ist Abbild der eigenen Seele und letztlich Resultat eigener Entscheidungen.
Die Action- und Abenteuer-Episoden sind in dieser Verfilmung außerordentlich intensiv, ja geradezu beängstigend realitätsnah. Die Höhepunkte sind die Erlebnisse in der riesigen Höhle des Riesen Polyphems. Die Tricktechnik von Mario Bava ist einzigartig. Da läuft das gediegene Literaturdrama auf zum bombastischen Fantasykampf David gegen Goliath, Geist gegen Körper. Die Art, wie Odysseus Polyphem trunken macht, indem er ihm die riesigen Weinbottiche hinhält und anschließend das Einauge zerschlägt, ist unvergesslich.
Der zweite, noch stärkere und furchtbare Höhepunkt ist die Abrechnung des Odysseus mit den überheblichen Freiern, welche von ihm in einem grausam choreographierten Kampf hingemetzelt werden, obwohl sie ihm zahlenmäßig überlegen sind. Da tut es fast weh, zu sehen, wie die schweren Pfeile des mächtigen Bogens in die Leiber der Feinde einschlagen. Die Action ist in diesem Theaterspiel eruptionsartige Entladung von Momenten und von daher wiederum beeindruckend.
Irene Papas ist selbstverständlich eine Klasse für sich und von mediterranen Filmwerken nicht wegzudenken.
Eine der denkwürdigsten und sehenswertesten Filmserien der Filmgeschichte und eine der besten Literaturverfilmungen überhaupt.