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Russlands schwieriger Umgang mit der Vergangenheit
Während man in den neuen osteuropäischen Demokratien wenn auch mit wechselndem Erfolg die totalitäre Vergangenheit in schmerzhaften Lustrationsprozessen zu bewältigen versucht, regiert in Russland ein Präsident, der mit unverhohlenem Stolz auf seine Karriere im sowjetischen Geheimdienst zurückblickt. Putin ist jedoch nur der berühmteste Exponent einer Gesellschaft, in der kaum ein Interesse besteht, ein kritisch-konstruktives Verhältnis zur eigenen Geschichte zu finden. In der allgemeinen Apathie muss die Vereinigung «Memorial», die eine Aufklärung der sowjetischen Verbrechen fordert, als Ausnahmeerscheinung gelten.
Die Publizistin und Historikerin Irina Scherbakowa (geb. 1949) hat als «Memorial»-Mitglied viele Biographien auf Tonband festgehalten, die das Eindringen des sowjetischen Staatsapparats in persönliche Schicksale dokumentieren. Eine Auswahl präsentiert sie nun in ihrem Buch «Nur ein Wunder konnte uns retten». Scherbakowa beginnt mit ihrer eigenen Familiengeschichte: Sie zeichnet den Lebensweg ihres Grossvaters nach, der als Bolschewik in der Komintern Karriere machte und später in Ungnade fiel. Jedoch geriet er nicht in das Räderwerk des Stalin-Terrors; seine Familie blieb durch eine Reihe glücklicher Umstände unbehelligt. Trotzdem gelangt Scherbakowa zur bitteren Erkenntnis, dass es genau ihre Vorfahren waren, die massgeblich am Aufbau des repressiven Staatsapparats beteiligt waren.
In ihrem Buch hat Scherbakowa fünf Lebensschicksale ausgewählt, die auf je eigene Weise die menschenverachtende Politik des Sowjetregimes dokumentieren. Die Biologin, die als Frau eines Volksfeindes verhaftet wird und noch im Gefängnis überzeugte Stalin-Anhängerin bleibt; die junge Trotzkistin, die man von Lager zu Lager verschickt; der Sohn einer deutschen Schauspielerin, der allein wegen seiner Herkunft verfolgt wird; der Frontoffizier aus dem Zweiten Weltkrieg, den ein Witz über Stalin die Karriere und die Freiheit kostet alle diese Biographien sind geprägt von einem Staatsmoloch, der sein Volk verschlingt, um selber am Leben bleiben zu können. Irina Scherbakowa hat vielleicht die einzig richtige Darstellungsmethode für die sowjetische Repression gewählt: Der Stalin-Terror lässt sich nicht in abstrakten Zahlen ausdrücken. Viel eindrücklicher ist die Präsentation einer einzelnen Biographie, in der sich die prekäre Geschichte der Sowjetunion spiegelt.
Seit kurzem liegt auch eine historische Untersuchung zur sowjetischen und postsowjetischen Geschichtspolitik vor. Elke Fein hat in einer sorgfältigen Arbeit offizielle und dissidente Interpretationen der russischen Geschichte im 20. Jahrhundert analysiert. Die Freigabe des leninistisch-marxistischen Deutungsmonopols in der Ära Gorbatschew führte 1987 zur Gründung der Vereinigung «Memorial», die viel radikaler als dreissig Jahre zuvor Chruschtschew eine kritische Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit forderte. Zunächst hatte man auf einen «Nürnberger Prozess» gegen die Organisatoren der staatlichen Repression gehofft. Allerdings zeigte sich bald, dass ein solches Vorhaben aus politischen Gründen nicht durchführbar war. Immerhin kam es 1992 zu einem aufsehenerregenden Prozess gegen die KPdSU, in der die Unrechtmässigkeit ihrer Herrschaft festgestellt wurde. Persönlich wurde jedoch niemand zur Verantwortung gezogen.
Besonders bedenklich ist die Tatsache, dass auch die Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer bis heute nur schleppend voranschreitet. Die meisten Massnahmen im Rehabilitationsgesetz von 1991 werden nicht oder nur ungenügend umgesetzt Opfer können in Apotheken Medikamente nicht gratis beziehen, weil der Staat die offenen Rechnungen nicht bezahlt; der Entschädigungsanspruch von Lagerhäftlingen ist auf 8 Jahre beschränkt, was angesichts der üblichen Lagerstrafen von bis zu 25 Jahren von vielen als Hohn empfunden wird; schliesslich erhält eine grosse Zahl von Repressionsopfern aus finanzpolitischen Gründen überhaupt keine Entschädigung. Angesichts solcher Missstände hat die Arbeit von «Memorial» nichts von ihrer Dringlichkeit eingebüsst. Allen Appellen zum Trotz sind Terror und Repression heute in Russland keine öffentlichen Themen mehr, die Mitgliederstruktur von «Memorial» ist überaltert, die nicht direkt betroffene Generation junger Russen interessiert sich kaum für Probleme der Vergangenheitsbewältigung. Dabei wird die Rolle der Geschichte jedoch gemeinhin unterschätzt: Russland wird sich erst dann zu einer Zivilgesellschaft entwickeln können, wenn das sowjetische Unrecht auch als Unrecht in den Köpfen der Bevölkerung präsent ist.
Ulrich M. Schmid
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Am Beginn des Buches beschreibt Irina Schrbakowa ihre eigene Geschichte, sowie die Ihrer Eltern. Auch in den folgenden fünf Episoden nimmt Irina Schrbakowa stets wieder Bezug zu Ihrer eigenen Person.
Insgesamt gefällt mir die Reflexion zur eigenen Person nicht besonders gut zumal auch der Wechsel der Perspektiven und der der sprachlichen Mittel (z.B. direkte zu indirekte Erzählung) das Leseverständnis einschränkt.
Trotzdem gelingt es Irina Scherbakowa dagegen besonders gut die historischen Rahmenbedingungen mit persönlichen Schicksalen zu verbinden, sodass der Leser sich ein imaginäres Bild zu den damaligen Lebens und Leidensumständen machen kann.
Insgesamt ein interessant geschriebenes Buch, trotz der etwas holprigen Erzählung, welches insbesondere der historischen Rahmenbedingungen wegen von Interesse ist.
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