Er redigiert die Nachrufe als Redakteur bei einer Lokalzeitung, jener Ich-Erzähler des neuen Roman des bereits zweimal mit dem "Egon-Erwin-Kisch-Preis" ausgezeichneten Schweizer Schriftstellers Erwin Koch. Simon Mangold heißt er und für ihn ist der Nachruf "die letzte Wahrheit. Alle früheren Wahrheiten hebt er auf. Denn die Wahrheit, so lange man lebt, ist ein Gedicht, ein Gespenst, ein flüchtiger Stoff, haltbar und dingfest erst im Nachruf. Was der Mensch wahrnimmt, ist nicht die Welt an sich, sondern ihre Spiegelung. Die Welt erscheint ihm nur so."
Er sitzt an seinem Schreibtisch und plagt sich damit, eine ganz persönliche Todesanzeige abzufassen, die seiner Eltern. Sie sind auf eine Weise zu Tode gekommen, der Simon erzählenderweise nachspürt und über die der Leser bis zum spannenden Ende im Unklaren gelassen wird.
Der ganze Roman ist die genaue Rekonstruktion alles dessen, was sich an einem bestimmten Tag, dem 11. Dezember im Pfarrhaus von Albert und Dagmar Mangold zugetragen hat. Eigentlich erwarten sie an diesem Sonntag ihren Sohn Simon zu Besuch. Doch während das Pfarrerehepaar am Frühstückstisch sitzt und sie sich in ihrer kargen und über Jahrzehnte eingeschliffenen Weise über die bevorstehende Predigt von Albert Mangold unterhalten, steht plötzlich jemand ganz anderes vor der Pfarrhaustür. Es ist Anna, die erste und auch große Liebe ihres Sohnes Simon. Beide, Anna und Simon, waren vor vielen Jahren an einer Entführung beteiligt. Während Simon wegen Mittäterschaft zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, die er auch absaß, um danach als Redakteur ganz klein wieder anzufangen mit seinem Leben, entzog sich Anna damals der Verurteilung, floh und ist seitdem untergetaucht.
Mit gehetzten Gesicht und einem roten Rücksack in der Hand, den sie in den folgenden Stunden keine Sekunde aus den Augen lassen wird , steht sie in der Tür und sagt: "Ich wollte nur schnell guten Tag sagen. Wenn ich schon hier bin." Die erstaunten Mangolds bitten sie freundlich herein, denn einen Tag vorher wurde Annas Vater von Albert Mangold beerdigt, ein zähes Gespräch beginnt, doch das, was damals wirklich geschehen ist, wird von allen konsequent umschifft.
Während im Pfarrhaus weiter die Vergangenheit verdrängt wird, und auch langsam so etwas wie Angst sich ausbreitet, ist Simon auf dem Weg zu seinen Eltern. Doch er wird nicht zu ihnen kommen können, denn in der Zwischenzeit haben sich in dem kleinen Dorf rund um die Kirche und den Friedhof die Ereignisse überschlagen. Als Mangold verspätet aus dem Gottesdienst zurückkommt, kann er nur berichten, dass der Friedhofswärter in der Nacht auf dem Friedhof angeschossen wurde und die Polizei alles abgeriegelt habe.
Das ist auch der Grund, warum Simon, schon im Dorf seiner Eltern angekommen, nicht durchgelassen wird und unverrichteterdinge wieder abreisen muss, während Anna immer noch bei den Pfarrersleuten sitzt. Hat sie den Mann getötet ? Denn offensichtlich hat Anna die Nacht beim Grab ihres Vaters auf dem Friedhof verbracht.
Wie Erwin Koch diese wenigen Stunden im Pfarrhaus schildert, hat Elemente eines guten Krimis, ist aber viel mehr als das. Es ist der literarisch absolut gelungene Versuch, das zur Sprache zu bringen mit einem ganz eigenen, zunächst sehr gewöhnungsbedürftigen Stil, was zwischen den handelnden Protagonisten nie ausgesprochen wurde, und auch dieses Mal nicht wirklich zum Thema wird.
Das Buch erzeugt in seinem Verlauf eine Spannung, die den Leser gefangen nimmt und ihn das schmale Buch nicht weglegen lässt, bis geklärt ist, warum der Ich-Erzähler Simon am Anfang über dem Nachruf für seine Eltern sitzt.