Der langersehnte vierte Band bildet den Abschluss der Giovanni-Chroniken.
Die Grundidee der Autoren ist folgende: Man spielt nicht seinen Ahnen-Charakter aus den ersten drei Teilen, sondern einen einfachen Sterblichen, der Ende der 1920er Jahre von den Giovanni in Boston geghult wird und (vielleicht) im Laufe der nächsten Jahrzehnte den Kuss empfängt. Als Mitglied der Mafia erledigt man Aufträge für die Giovanni und gerät dabei immer mehr in Konflikt mit seiner Menschlichkeit. Zudem muss man sich auf eine zerbrechliche Allianz mit den anderen Spielern einlassen, die mit einem um die Gunst des Ahnen Andreas Giovanni und den Kuss konkurrieren.
Das Mafiaspiel nimmt einen großen Teil der Geschichte ein, was diejenigen Spieler, die mit "Der Pate" & Co nicht soviel anfangen können, abschrecken mag. Jedoch schlägt der letzte Teil natürlich, wenn auch recht spät, eine Brücke zur Geschichte um das Sargon-Fragment, und auch die Kinder Isaaks spielen noch eine wichtige Rolle.
Eine Warnung:
Der vierte Teil ist wesentlich düsterer als die anderen Teile und für sensible Gemüter und Jugendliche unter 18 Jahren wenig empfehlenswert, da auch Themen wie Vergewaltigung von Kindern behandelt werden. Teilweise überwiegt die Abscheu hier schon mal den Spielspaß, aber da jeder Erzähler wissen müsste, wie weit er bei seinen Spielern gehen kann, sollte das kein größeres Problem darstellen.
So interessant die Idee auch sein mag, die Geschichte auch mal aus der Perspektive der Gegenseite zu erleben, und das mit einem Charakter, der eben
nicht die
Macht von Jahrhunderten innehat, so ergeben sich daraus leider auch viele Mankos.
Es stößt mit Sicherheit vielen Spielern sauer auf, zum Abschluss nicht mehr die Charaktere spielen zu dürfen, mit denen man in den ersten drei Teilen so viel durchlitten hat.
Das schon bekannte große Manko der Giovanni-Chroniken - dass die Spieler wenig Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben und streng dem roten Faden folgen müssen, zieht sich auch in teilweise extremer Form durch den gesamten vierten Teil.
Die Autoren gehen sogar so weit, alles was die Charaktere in den ersten Teilen erreicht haben, nichtig zu machen. Hier sollte der Erzähler die Geschichte glätten, wenn er nicht den berechtigten Unmut seiner Spieler auf sich ziehen will.
Das größte Manko ist jedoch der letzte Akt, den man bestenfalls als dürftig bezeichnen kann. Es wirkt, als wäre den Autoren die Zeit oder die Lust ausgegangen, ein episches Ende zu schildern. So bleibt wieder alles am Erzähler hängen. Für das Hauptereignis und den großen Abschluss der Geschichte (dass die SCs danach, wie von den Autoren vorgeschlagen, ganz normal weitermachen, halte ich für ziemlich lächerlich) wurde gerade mal eine VIERTEL Seite veranschlagt! Und das, wo die übrigen Akte teilweise mit unnötigen Plots und NSCs überfrachtet sind. Da hätte ich vom Ende wirklich mehr erwartet.
Ein erfahrener Erzähler kann unter Einsatz von Zeit und Einbringen eigener Ideen aus dem letzten Teil sicher einiges machen und den Spielern ein würdiges Ende der Giovanni-Chroniken bieten. Hat man jedoch keine Lust oder keine Zeit, sich selbst Gedanken zu machen und übernimmt das Abenteuer 1:1 aus dem Buch, so wird das bei den Spielern wohl kaum Begeisterungsstürme auslösen.
Auch als Einzelabenteuer ist der vierte Teil nur bedingt spielbar, da die Geschichte ohne den Hintergrund der ersten Teile einfach nicht so interessant ist.
Leider haben die Autoren hier eine Menge guter Ideen verschenkt und wenig aus einer eigentlich schönen Plotidee gemacht.