"Ich bin so etwas wie ein zu spät gekommener Gast", so beschreibt die inzwischen erwachsene Fanny ihre Rolle in einer bürgerlichen Großfamilie. Und das ist noch geschönt. Denn als Nachkömmling hat sie für ihre Eltern in erster Linie eins zu sein: unsichtbar. Die Eltern, allen voran der Vater, sind als in die Jahre gekommene Erwachsene vor allem mit sich selbst beschäftigt. Wohlwollen, Zuwendung, Empathie - das haben sie für sich selbst reserviert.
Beachtung wird Fanny nur dann zuteil, wenn sie aus Sicht der Eltern, durch Fehlverhalten auffällt. Und das wird in Relation zum tatsächlichen Geschehen hart geahndet und hochstilisiert. Die kleinsten Regungen und Bedürfnisse, die auf ein eigenständiges Individuum schließen, erstickt der autoritäte Vater im Keim. Das heranwachsende Kind hat kein Recht auf die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit.
Fanny beobachtet in der Rückschau, wie sie die Ticks und Marotten ihrer Eltern annimmt. Und den bescheidenen Versuch einer Rebellion - auf die erfahrene Kälte und Ignoranz durch den Vater - richtet sie gegen ihre eigene Person: Den mit Tropfen von Spülmittel versehenen Kaffee, trinkt sie selbst.
Als Erwachsene gelingt ihr eine bemerkenswerte Rückschau, auf einen inzwischen greisen Vater, der eigentlich nicht vorhanden war. Ja, das Buch ist auf wunderbar unsentimentale Weise melancholisch, bisweilen auch traurig. Die knappe, aber nichtsdestotrotz dichte und unaufdringliche Bildersprache der Autorin ist beeindruckend. Beindruckend wahrhaftig.