© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
"Nummer 17" ist konfus, letztlich banal, läppisch, kurz - und irgendwie doch ein interessantes Vergnügen. Im ersten Teil dominiert ein Verwirrspiel zwischen verschiedenen Personen in einem leerstehenden Haus, im zweiten Teil eine für 1931 recht wilde Verfolgungsjagd, in der Gauner gegen Gauner auf einem Zug agieren und ein Detective ihnen mit einem Bus hinterherjagt. Sucht man nach einem kohärenten Ganzen, droht maßlose Enttäuschung. Aber der Film lebt ungemein von seinen zahlreichen gelungenen Erscheinungen und Spielereien am Rande. Hitchcock musste einen ungeliebten Auftrag wegen vertraglicher Bindungen übernehmen, man merkt es. Ihm scheint der Plot herzlich egal gewesen zu sein, aber er macht das Beste daraus, entwirft schon mal ein paar Elemente seiner späteren Meisterschaft und ironisiert die chaotische nichtssagende Handlung aufs Angenehmste. Typische Hitchcock-Themen und Verweise auf Späteres sind: Niemand ist, wer er zu sein vorgibt. Eine Leiche liegt genauso unpassend im Wege herum wie "Harry" aus "Immer Ärger mit Harry". Ein Mann und eine Frau sind aneinandergekettet (z.B. "The 39 Steps") oder baumeln über einem Abgrund (z.B. "Der unsichtbare Dritte"). Doch enthält sich Hitch konsequent jeglicher psychologischen Doppelbedeutung (der Held wird sich am Ende reichlich unmotiviert und plötzlich in eine andere Frau der Geschichte verlieben). Stattdessen ist bezeichnend, dass er das Pärchen seine missliche Lage damit kommentieren lässt, dass sie genau wie im Kino sei. Das ist der richtige Wegweiser: Ist doch alles Fake, ist doch alles Kintopp, ist doch alles absurd - und die Figuren haben nicht nur IM Film mehrere Identitäten, sondern sind gleichzeitig noch als Schauspieler erkennbar, die nicht jemand anders SIND, sondern mit einer gewissen Distanz SPIELEN. Nur mit einer solchen schonungslosen, die Grenzen zwischen Kino und Wirklichkeit ironisch brechenden Offenheit kann man derartigen Schund veredeln. Hitchcock tut dies auf das Angenehmste, und auch wenn die Erzählung belanglos ist, formal ist sein Film ziemlich perfekt. Die Anfangsphase ist eine blitzgescheite, noch dem Stummfilm verhaftete Komposition, die dadurch besticht, dass Hitch alles Wesentliche in Bildern erzählt und ohne Zwischentitel auskommt (ähnlich wie in seinem ersten Tonfilm "Blackmail"). Wenn er sehr pointiert und fast ein bißchen übertrieben Schauersymbolik auffährt (sich verdunkelnde Fenster, der fehlende Geländerpfosten und die Hand, die durch die Lücke herabbaumelt, riesige, sich bewegende Schatten in schummrigem Kerzenlicht, Netzlinien als Schattenprojektion, in denen sich Menschen fast verfangen können, u.v.m.), so nutzt er geschickt die Mittel der Bildgestaltung, scheint sich aber auch fast ein bißchen über Horrorfilmästhetik lustig zu machen. Das alles ist von hohem Unterhaltungswert und immer originell (auch im zu der Zeit ungewöhnlich schnellen Schnitt, in eingeflochtenen Großaufnahmen, in Kamerapositionen: Kurze Inserts eines "kreischenden" Zuges erinnern an einen meisterhaften Übergang aus "The 39 Steps", von oben gefilmte Treppenflure an "Psycho" und "Vertigo", an den auch die Höhenangst der über einem Abgrund baumelnden Frau erinnert). Zudem gelingt Hitch sogar hier ein amüsantes Spiel mit dem Überschreiten der Grenzen: Ein Mal scheint ein Landstreicher irritiert zu überprüfen, ob sein (riesenhafter) Schatten tatsächlich der seine ist, er guckt ihn angstvoll an und macht ein paar vorsichtige Handbewegungen. Dafür gibt es als vordergründige Erklärung seinen Alkoholkonsum. Aber einen kurzen Moment am Anfang der Szene rechnen wir tatsächlich mit einem weiteren Unbekannten, und danach führt uns dieses Spiel eben vor, dass wir nur in einem Film sind, in dem alles möglich ist, und in dem die Suspense-/Horror-Gesetze nicht notwendig eingehalten werden müssen (konsequent traten Schatten mit Eigenleben nicht nur als Erklärung für die phantastische Handlung in Francis Ford Coppolas "Dracula", sondern auch in Mel Brooks Parodie auf, der es öfter mit dem ironischen Meta-Kino hat). Selbst die in Teilen erkennbaren Spielzeugmodelle in der finalen Actionszene lassen sich möglicherweise so deuten: Ist doch alles nur ein Spiel, nehmt die Handlung nicht so wichtig, sondern genießt das Spielerische! Obwohl es auch ansatzweise Suspense gibt, ist "Nummer 17" eher Popcornkino anno 1931.
Wie meisterhaft dies ist, zeigt sich vor allem an Hitchs Umgang mit Schnitt und Ton. Zwar sehen wir in den Totalen gelegentlich die Modelle, aber überwiegend hat er recht gut getrickst, durch vernebelte Hintergründe, durch Kamera-Untersicht (die die Modelle größer und bedrohlicher erscheinen lässt) und vor allem durch Schnitt: Hitch kombiniert seine Spielzeugverfolgung mit Studioaufnahmen, in denen Darsteller vor Teilen des Zuges oder in einem Bus-Inneren agieren. Diese montiert er so geschickt ineinander, dass eine recht gute Illusion entsteht, wenn sie vielleicht technisch auch nicht mit William Wellmans furiosem Zug-Crash in "Other Men's Women" (1930) mithalten kann. Aber sei's drum. Der Schnitt, auch in der Haus-Sequenz, ist furios, lebendig, an markanten Stellen für 1931 rasend schnell (zum Glück nicht permanent, sonst wird es langweilig, wie heutzutage in den hyperkinetischen Actionfilmen), so dass die visuelle Aufnahmefähigkeit ganz schön gefordert und der Film stilistisch unerhört modern ist. Hitchs Sequenzen am Anfang und am Ende sind pures Bewegungskino, nur von Musik oder dem monotonen, peitschenden, immer schneller werdenden Stampfen des Zuges begleitet, dessen Nervosität derjenigen des Geschehens perfekt entspricht. In solchen Sequenzen war Hitch auch in späterer Meisterschaft immer unglaublich stark, beispielsweise in der spannenden Mühlenszene in "Foreign Correspondent" oder in den kontemplativen dialoglosen Sequenzen in "Vertigo". Bemerkenswert ist ferner, dass Hitch bereits eine sehr filigrane, teils genau mit dem Schnitt synchronisierte nichtdiegetische Musik einsetzt, die auf den Punkt genau das Geschehen kommentiert oder die Spannung noch ein bißchen (niemals zu forciert) vorantreibt. Üblicherweise hatten Tonfilme dieser Zeit nur am Anfang und am Ende Musik, und mittendrin wurden höchstens einzelne Musikstücke im Hintergrund gespielt, aber eine dramatisierende Musik gab es nicht. Karasek irrt, wenn er in "Mein Kino" behauptet, Max Steiner habe dies erstmals in "King Kong" (1933) gemacht! (Oder stand es in dem Buch "Die 100 besten Kultfilme" von Hahn/Jansen?)
Dass "Nummer 17" pures Bewegungskino mit filmästhetischer Raffinesse ist, kann gar nicht genug gewürdigt werden, wenn man bedenkt, dass in der Zeit viele Tonfilme mehr oder minder abgefilmtes Theater mit Dialog und Gesang um jeden Preis waren, zudem mit einer meist statischen Kamera aufgrund der schwereren Ausrüstung. "Nummer 17" hingegen ist nicht statisch, sondern wirklich a motion picture! Dafür eigentlich vier Sterne, für fünf reicht es wegen der schwachen Geschichte nicht. Einen Stern ziehe ich für die teils unterirdische Bildqualität ab. Dennoch eine kleine Perle der frühen Hitchcocks wie überhaupt des frühen Tonfilms.