Da sitze ich in der Bahn, hole das neue Buch von Dieter Nuhr aus meinem schäbigen Rucksack, schlage es auf, lese 30 Sekunden und kriege einen Lachkrampf.
Die anderen Passagiere (oder sollte ich Gefangene sagen?) starren mich natürlich an, als ob ich völlig bekloppt sei. Wer schlägt schon ein Buch auf und lacht nach 30 Sekunden? Das ist doch gestellt!
Also halte ich das Buch hoch, um zu erklären, warum ich vor Lachen kaum atmen kann. Sie schauen schnell weg, da sie wohl glauben, ich wäre Zeuge Jehovas mit einer neuen Wachturmverteilungsstrategie. Es kann mir auch egal sein, schließlich muss ich mich nicht rechtfertigen. Ich lese weiter. 20 Sekunden später kichere ich mich durch eine ganze Haltestation.
Wieder starren mich die anderen Gäste an, worauf ich erneut das Buch hochhalte, auf den Autor zeige und "Das ist genial. Kauft es euch." sage.
Mir werden peinlich berührte Blicke zugeworfen und einmal sogar der Vogel gezeigt.
Aber es wird schlimmer. Ich lese die ersten 15 Seiten und der Fahrtkartenkontrolleur steht plötzlich an meiner Seite. Er ist klein, hat wenig Haare und seine Augen stehen etwas zu weit auseinander, was ihm irgendwie den Gesichtsausdruck einer inkontinenten Kröte verleiht. Ich muss lachen, aber nicht wegen dieses Anblickes, sondern wegen des Buches (man beachte den gekonnten Gebrauch des Genitives). Doch versuchen sie mal, das einem Menschen zu erklären, der wahrscheinlich zeitlebens wegen seines Krötenaussehens ausgelacht worden ist.
Ich sehe mich schon mitten in einer peinlichen Diskussion, in der mich die anderen Fahrgäste als Spinner bezeichnen, der "eh immer die ganze Zeit so komisch gekichert hat".
Doch die Welt ist klein. Er sieht mein Buch, sein Krötenmund weitet sich zu einem gigantischen Grinsen, welches wahrscheinlich Fliegen in den Wahnsinn treibt und sagt mit einer unerwartet sonoren Stimme "Den kenn isch. Den les´ isch auch gerne. Dat is der Nuhr, ne?"
Ja, dat is der Nuhr und mein Rat: kauft ihn euch. Jetzt. Sofort in den Warenkorb legen. Sie wissen, dass Sie es wollen. Trauen Sie sich. Sie werden nicht enttäuscht sein.
Und Ihnen, Herr Nuhr, möchte ich "Danke!" sagen, da man eigentlich nie etwas zu lachen hat, wenn man in diesem Land mit der Bahn unterwegs ist.