Das wirkt natürlich anziehend, wenn in der FAZ steht, Nudge sei nicht mehr und nicht weniger ein Zauberschlüssel, um kluge Entscheidungen zu treffen. Aber ganz so wild ist es nicht. Leider. Nun möchte man natürlich wissen, was der geheimnisvolle Begriff "Nudge" bedeutet. Selbst wenn man im Englischunterricht noch mitbekommen hat, dass wir nudge mit anstossen, stupsen übersetzen. Was Barack Obama unter einem Stups versteht, wissen wir nicht. Aber von Cass Sunstein hält er offenbar so viel, dass er seinen ehemaligen Kollegen aus Chicago in den Beraterstab aufnahm, um bessere Entscheidungen treffen zu können. Präsidentenberater ist ein gutes Marketinglabel, aber noch keine Garantie, dass die Entwicklung von Zauberstäben und -schlüsseln gelingt. Bei aller Aufregung um dieses Buch, finde ich denn auch, dass in ihm nichts steht, was europäischen Heuristikern bisher verborgen blieb. "Libertärer Paternalismus" wird die Vorgehensweise genannt, die im Buch empfohlen wird. Gemeint ist damit, dass der Staat seine Bürger gewitzter und wirkungsvoller als bisher bevormunden, steuern und manipulieren soll. Mit kleinen Stupsern, die wohl ausgedacht sind und auf Erkenntnissen der Psychologie und modernen Hirnforschung beruhen. Motorradfahren in Staaten ohne Helmpflicht, sollen für ihre Freiluftvergnügen eine besondere Prüfung bestehen - Teenager, die bereits Mutter geworden sind, sollen jeden Tag einen Dollar bekommen, solange sie nicht zum zweiten Mal schwanger werden - Banken sollen eine spezielle Karte herausgeben, die nur von Wohltätigkeitsorganisationen akzeptiert wird und Ende Jahr alle Beträge so zusammenfasst, dass sie von der Steuerbehörde gleich als Belege für Abzüge anerkannt werden.
Interessante Beispiele für klügere Staatsinterventionen finden sich in diesem Buch auch dann noch genügend, wenn man die allzu auf Amerika zugeschnittenen von der Gesamtzahl abzieht. Ob Nudge auch bei uns eine Bewegung wird, die so hohe Wellen wie in Amerika wirft, bezweifle ich. Vor allem weil bei uns der Widerstand gegen alles, was nach Manipulation riecht, sehr viel größer ist. Die Skepsis gegen die Beeinflussung des Unbewussten hat natürlich auch historische Gründe. Aber irgendwann sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass Beeinflussung menschlicher Wahlverhalten ohnehin stattfindet, egal wie wir diesen Vorgang nennen. Oder anders gesagt: Überlassen wir die Forschungsergebnisse der Heuristik, der Wissenschaft von der Entscheidungsfindung, nur den Unternehmen und politisch Verirrten, machen wir uns an gesellschaftlich unerwünschten Zuständen und Entwicklungen irgendwie mitschuldig.
Ein gewisses Unbehagen hatte ich nach der Lektüre trotz der Befürwortung solcher Ansätze. Denn betrachte ich das politische Geschehen und den Eifer zahlreicher Weltverbesserer, so bin ich manchmal ganz froh, wenn Projekte zu Verhaltensänderungen so dilettantisch aufgegleist werden, wie das heute oft der Fall ist. Von missglückten Beispielen der Entscheidungsarchitekten ist in diesem Buch fairerweise auch die Rede. Aber wie es für Gurus oft üblich ist, müssen sich Vorreiter und Mitstreiter meist damit begnügen, im Literaturverzeichnis erwähnt zu werden. Und amerikanische Helden wissen oft gar nicht, auf welche europäischen Helfer sie bauen könnten. Daher wunderte es mich wenig, dass Gerd Gigerenzer und andere bekannte Namen fehlen.
Mein Fazit: Der Zauberschlüssel für kluge Entscheidungen wurde von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein nicht gefunden. Aber sie sorgen mit ihrem Bekanntheitsgrad dafür, dass sich auch Politiker für Erkenntnisse interessieren, die dazu dienen können, klügere Gesetze zu formulieren und wünschenswerte Verhaltensmuster zu knüpfen. Vieles von dem, was in diesem allzu dicken Buch steht, lässt sich auch mit dem gesunden Menschenverstand erklären. Aber eben nicht alles. Daher hätte ich mir gewünscht, dass die Autoren klarer hervorgehoben hätten, wo uns Bauchgefühle böse Streiche spielen.