Erotisch würde er seine Arbeiten nie nennen, diesen Begriff findet Andreas Bitesnich geradezu "fies". Aber die Bezeichnung "Körperphotograph" trifft seiner Meinung nach genau den Punkt, auch wenn sie nicht von ihm stammt. Der gebürtige Wiener bereichert die Aktphotographie durch seine anspruchsvoll verschraubten und idealisierten Posen, die absolute Körperbeherrschung voraussetzen. In weniger abstrakten Formen bestimmen sie auch den Stil seiner Werbekampagnen, wie jüngst die Olympia-Kampagne für das ZDF. In den letzten Jahren löst Bitesnich seine harte Schwarzweiß-Kontrastphotographie zugunsten weich - fließender Farben und organisch arrangierter Körperformen auf.
INTERVIEW
Das erste Buch, das Sie veröffentlichten, war Aktphotographie. Haben Sie auch mit Akt angefangen? Ich wollte ursprünglich Mode photographieren, aber nachdem es in Österreich keine Modeindustrie gibt, kamen Anfragen für dieses Feld und ich habe mich hineinbegeben. Einer muss es ja machen. Von der Kleidung - Mode - zum Unbekleideten, dem Akt. Wie war das für Sie? Als ich anfing, war ich froh über jeden Auftrag und es war mir sicherlich nicht unangenehm. Ich habe Freude, mit Menschen zu arbeiten und daran immer wieder neues zu entdecken. Suchen Sie derart perfekte Models im Sportstudio? Ganz unterschiedlich. Manche stellen sich vor, andere lerne ich bei Castings kennen und ich bekomme viele Zusendungen. Ich habe oft eine sehr lange Beziehung zu meinen Models. Dieses Gebiet ist heikel und bei Aufträgen weiß ich genau, mit wem ich was machen kann, wer z.B. diese oder jene Position körperlich auch halten kann. Was ist Ihr Schönheitsideal oder auf welche Aspekte des Körpers achten Sie besonders? Ich nehme das Model so, wie es ist und nach dem, was es mir zu bieten hat. Ein wechselseitiger Prozess. Es begann mit sportlichen Bildern und natürlich zeigen Männer gerne ihren Körper, wenn sie täglich drei Stunden im Studio an ihm arbeiten. Bei den Frauen kristallisierte sich ein sportlich-gesundes Klischeebild heraus. Aber mittlerweile hat es sich gewandelt. Früher photographierte ich komplizierte Positionen mit einem Licht, heute photographiere ich eher lockere Positionen mit mehreren Lichtern. Wie kamen Sie auf die betont verschränkten Posen? Ich hatte das im Kopf und fand dann Models, die es drauf hatten. Dann haben wir geradezu Blut geleckt. In Ihren Werbekampagnen tauchen diese kraftvollen Posen ebenfalls auf, mal sportlich konnotiert, wie die Olympia- oder Samsung-Kampagne, mal eher tänzerisch wie für Staatlich Fachingen. Ich habe das riesen Glück, dass meine Werbeaufträge so aussehen wie die Bilder, die ich eh mache - davon träumen viele Photographen. Bei großen Budgets geht der Kunde dahin, wo er weiß, was er bekommt. Davon profitiere ich, auch wenn es ein steiniger Weg dahin war. Es ist ja auch ein Ausdruck der Zeit. Wofür steht er, für ein neues Gesundheitsbewusstsein? Vor zehn Jahren gab es diesen Trend hin zum Abnehmen. Aber jetzt? Im Moment scheint alles möglich, jeder raucht wieder, niemand redet über Aids. Aber ich photographiere nicht nur perfekte Menschen, sondern auch die Behindertensportler. Aber auch die haben ausnahmslos sehr schöne Gesichter Model-tauglich... Eine Werbeagentur ist im Auftrag des Behinderten-Sportverbands an mich heran getreten, und da ich einmal im Jahr ein Benefiz- Projekt mache, habe ich zugesagt. Natürlich suche ich Models, die mich inspirieren. Dass sie alle trainiert sind, ist beim Sportverband ja auch klar. Und ich wollte, dass sie in erster Instanz lecker aussehen und man erst in zweiter Instanz die Behinderung sieht, der Betrachter also auf dem linken Fuß erwischt. Es war für uns alle im Studio eine ganz tolle Erfahrung. Sie haben Ihr Studio in Wien. Zieht es Sie auch in die Welt hinaus? Ich bin die meiste Zeit im Ausland unterwegs. Wien ist meine Basis, mein Büro, hier sind meine Mitarbeiter und mein Archiv. Wie viele, denkt man am Anfang, man muss nach New York. Ich habe mir das abgeschminkt, als ich nach dem vierten Mal hin- und herfliegen merkte, dass ich durch die Zeitverschiebung meine Augen gar nicht mehr aufhalten konnte. Ich bin also froh, in Wien mitten in Europa zu sitzen und innerhalb einer guten Stunde überall zu sein. Auch das kulturelle Umfeld hier ist sehr inspirierend. Arbeiten Sie auch digital? Komplett. Seit vier, fünf Jahren sitzen wir hier am Computer. Früher habe ich einen Tag lang an einem Abzug gearbeitet. Der ging dann für zwei Tage zur Handretusche, dann zum Kunden oder in die Redaktion und nach zwei Monaten habe ich den Print mit Kaffeeflecken drauf zurückbekommen - und hatte Tränen in den Augen. Heute schicke ich eine CD und es ist mir egal, ob da Kaffee drüber läuft. Es war eine praktische Entscheidung für den Computer. Vermissen Sie den selbstabgezogenen; analogen Print? Ich habe zehn Jahre lang in der Dunkelkammer gearbeitet und weiß, wie es geht. Mittlerweile habe ich einen begnadeten Printer, der die Abzüge für Sammler und Ausstellungen printed. Aber mir stellt sich die Frage, ob man Traditionen erhalten soll oder ob sie aus gewissen Umständen heraus entstanden sind, die damals gepasst haben, heute aber anders sind. Wie wertvoll sind Traditionen, wie wertvoll ist ein Dialekt, den man in einem Tiroler Bergdorf spricht und der zu einer Zeit entstand, als es weder Telefon noch Strom gab und das Dorf vom Rest der Welt abgeschnitten war? Heute entwickelt sich etwas anderes. Wie wichtig ist es also, das zu erhalten? Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich darüber denke. Eine radikal fortschrittliche Einstellung. Ich weiß. Aber ich bin nicht unglücklich, in der Dunkelkammer keine Chemie mehr zu schnüffeln oder zu entsorgen. Alles hat mehrere Seiten, aber Hauptsache, das Bild löst eine Emotion aus. Nach allem anderen fragt kein Mensch. Sie haben Leni Riefenstahl kurz vor ihrem Tod photographiert. War das ein Auftrag? Das war für "Max", aber eigentlich war es für mich. Kurz vor ihrem 100. Geburtstag. Sie ist eine kontroverse, aber große Figur in der Geschichte der Photographie, der ich nicht unkritisch gegenüber stehe. Aber die Hand zu schütteln, die Hitler geschüttelt hat, war ein Erlebnis. Haben Sie mit ihr über Photographie gesprochen? Sie arbeiten ja zum Teil an vergleichbaren Sujets. Wir saßen noch kurz am Tisch, sie hat mir meine Bücher signiert und sie hat sich auch eins von mir angeschaut und sagte "ah, von Ihnen, toll" - aber ich wollte dann nicht pushen, denn sie kam aufgrund ihrer Schmerzen nur für ein paar Stunden aus dem Bett, ich wollte nicht wie ein Groupie sein. Hat Sie die Riefenstahl'sche Photographie je beeinflusst? Eher indirekt, denn ich habe ihre Photographie erst entdeckt, als ich auf meinem Weg schon sehr weit war. Haben Sie andere Vorbilder oder Inspirationen? Alle zusammen. Irving Penn ist grundsätzlich ein Meister, aber auf jedem Gebiet gibt es Meister, die ich sehr bewundere. Ganz oben steht insofern Helmut Newton, als er den Photographen einen Weg vorgezeigt hat. Er wurde erst mit 50 Jahren derart erfolgreich und er hat sich seine Position erarbeitet, auf der er bis heute steht - ganz allein.
Für Greg Norman berühren "Andreas' ausgeprägter Kompositionssinn und seine Positionierung von Motiven im Bildausschnitt... oft die Grenzen zwischen Kunst und Erotik".
Der ursprünglich bei der Edition Stemmle erschienene Fotoband Nudes, das Erstlingsbuch des 1964 in Österreich geborenen Fotografen Andreas H. Bitesnich, war seit einiger Zeit vergriffen. Nun ist der Band, mit dem Bitesnich 1998 auf Anhieb den begehrten Kodak Fotobuch Preis gewann, in neuem Format endlich wieder erhältlich.
Kontur und Oberfläche des menschlichen Körpers stehen im Mittelpunkt von Bitesnichs Werk. In seinen Fotografien werden weibliche und männliche Formen zu Gesamtkunstwerken komponiert. Die fotografische Technik ist klassisch, so dass seine Bilder zeitlos wirken. Gekonnt spielt er mit Licht und Schatten und weiß Spannung hervorzurufen. Bitesnich ist ein Perfektionist, seine Körper wirken makellos - sie anzuschauen ist immer ein Genuss.