La Reverdie: Nox - Lux. Frankreich und England 1200-1300. Sechs anonyme Motetten aus dem Frankreich des 13. Jahrhunderts; fünf anonyme Stücke aus dem England des 13. bis 15. Jahrhunderts; einzelne Stücke von Wipo von Burgund (11. Jh.), Perotin (13. Jh.), Oswald von Wolkenstein (15. Jh.) und Guillaume Dufay (15. Jh.) sowie mittelalterlichen Melodien nachempfundene Stücke von Doron David Sherwin, Claudia Caffagni und Elisabetta de' Mircovich. Gesamtspieldauer: 63'10" (Herstellerangabe). Aufgenommen im Oktober 2000 in der Abtei von Rosazzo (Udine), veröffentlicht 2001 als Arcana A307.
Wer wie ich die CDs von La Reverdie sammelt und schätzt, wird schon gemerkt haben, wie sehr sich die Gruppe von CD zu CD steigert und weiterentwickelt. Mit "Nox - Lux" haben die vier Schwestern (zusammen mit Doron David Sherwin und Sängerin Elena Bertuzzi) wieder einmal meine Erwartungen weit übertroffen, auch wenn der "rote Faden" der Aufnahme diesmal ein wenig "fadenscheinig" erscheint (das geben die Musiker im Beiheft auf sehr derbe Weise zu!). Neben den üblichen Instrumentalweisen bieten sie hier teilweise komplizierteste Polyphonie in einer Perfektion, die, wenn sie auch nicht ganz an die von "Anonymous 4" heranreicht, von höchster Gesangskultur zeugt. Die hauptsächlich marianischen Texte kreisen um die im Mittelalter stark empfundene Dichotomie zwischen Licht und Finsternis, Leben und Tod; sie sind im Beiheft sowohl im Original als auch in vier Übersetzungen abgedruckt. Dass die Gruppe es immer wieder schafft, lateinische, altfranzösische, frühe englische und gar mittel- oder neuhochdeutsche Texte (Wolkenstein) so überzeugend zu präsentieren, verdient ebenfalls ein Kompliment, deshalb die Überschrift ("Honig im Tal" ist ein Ausdruck aus der Motette "Caligo terrae scinditur"). Dies ist auf alle Fälle ein Muss für Mittelalter-Freaks und Liebhaber esoterisch-altertümlicher Klänge.