Wenn mich noch vor wenigen Wochen jemand auf Tony Christie angesprochen hätte, wären in meinem Hinterkopf Bilder eines durchaus symphatischen älteren Herren aufgetaucht, der irgendwann vor Ur-Zeiten zwei große mir bekannte Hits hatte ("Is this the way to Amarillo" und "I did what I did for Maria"), die man auch heute noch gut hören kann und die zurecht einen gewissen Kult-Status genießen.
Ansonsten erinnere ich noch, daß in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre meine Mutter ein paar Alben von ihm hatte, die klangen wie deutscher Schlager mit englischen Texten und dem Klischee gerecht werdend, sah man auf den Covers einen Typen mit dem zwanghaft lächelnden Gesichtsausdruck eines Versicherungs-Vertreters vor der Beförderung zum Gebietsleiter, wahlweise vor einer Palme stehend oder vor einem anderen farbenfrohen Hintergrund in einem noch farbenfrohenderen (jetzt kollabiert die Grammatik!) Sakko. Jack White macht halt aus jedem einen Schlagersänger und das schlimme ist, leider oft mit Erfolg.
Wie dem auch sei, hätte mich dieser oben erwähnte fiktive jemand nicht nur auf Tony Christie angesprochen, sondern auch noch gewettet, daß ich in nur wenigen Tagen freiwillig und ohne Androhung von Gewalt für mich selbst ein Tony Christie Album kaufen würde, hätte ich mich kringelig gelacht und dagegen gehalten - Ich hätte meinen Einsatz verloren!
Das Album ist nicht weniger als eine Sensation!
Ich laß eine Kritik in irgendeinem Feuilleton, die so voll des Lobes war, daß man schon beim Lesen spüren konnte, da kommt etwas wirklich gelungenes auf einen zu. Einige Tage später eine weitere Kritik, die ebenfalls uneingeschränkt ein musikalisches Großereignis suggerierte. Dazu das Cover des Albums, daß nun so gar nichts mit dem oben beschriebenen Lächelmonster gemein hat. Habe es ohne Hörprobe gekauft und nicht nur nicht bereut, sondern bin dankbar für diese Entdeckung!
Schon der Opener des Albums, der Titelsong "Now's the time", hebt den Hörer mit blubberndem Bass und brausendem Bläser-Satz und einem bezwingenden, groovenden Rhythmus in den Himmel perfekten Sixties-Soul-Pop-Sounds, nur kraftvoller, dynamischer, frischer.
Ein knarrendes Saxophon und durchgehende Hand-Clappings dominieren spielerisch Titel 2 "Money spider" und mit "7 hills" im Duett mit Roisin Murphy hätten auch Sonny & Cher den größten Hit ihrer Karriere landen können.
"Steal the sun" gönnt dem Hörer eine kleine Verschnauf-Pause, die erste und einzige Ballade der Platte. Kein Kitsch, kein von Schmalz überfrachtetes Gesäusel, echte Emotion nur vom Piano getragen.
Dann erhebt sich das Album wieder majestetisch in "Longing for you baby" mit kraftvoll hyptnotisierenden Drum-Schlägen, um sich danach im sexy Groove von "Get Christie" zu verlieren - Tom Jones hätte es nicht cooler machen können! Am Ende wird es mit "Something better" noch mit vielschichtigem Hall und Tempo-Wechseln gekonnt psychedelisch - ganz und gar großartig!
Das Album hat keinerlei Ausfälle, jedes Lied ist ein Juwel, ein Beweis, daß Musik die nur unterhalten und Spaß machen will, auch hochwertig, orginell und durchdacht bis ins Detail produziert werden kann! Und das auch im Jahre 2011 gute Pop-Musik organische Instrumente von begnadeten Musikern gespielt benötigt und nicht nur ein paar coole Computer-Sounds der neusten Music-Maker-Software vom Tontechnik-Assistenten fluchs zusammen programmiert, um dann von Rihanna & Co mit gehauchten Uhs und Ahs zum gehypten Pseudo-Hit stilisiert zu werden, der dann als Füllmaterial zwischen den Werbeblöcken der auf Stumpfsinn formatierten Radio-Stationen in der Endlos-Schleife bis zum Ohrenbluten rotiert, an den sich aber ein paar Jahre später kein Mensch mehr erinnert.
Mag sein, daß Rihanna & Co. von ihren aktuellen Alben zunächst mehr Einheiten absetzen als Tony Christie von "Now's the time". Mag auch sein, daß zumindest in Deutschland die T.C. Alben die Jack White verbrochen hat mehr verkauft wurden. Aber "Now's the time" wird auch in dreißig Jahren noch begeistern!
Ein wirklich meisterhaftes Album und die musikalische Überraschung 2011!