Mike Slamers erstes Soloalbum. Und es war seit Jahrzehnten überfällig! Dass es "Nowhere Land" erst 2006 gegeben hat, hängt damit zusammen, dass diesem außerordentlichen Rockgitarristen und Songschreiber der hochverdiente Star-Status leider verwehrt blieb. Dafür war die US-Band "Streets", mit der der Brite zusammen mit Kansas-Sänger Steve Walsh und dem späteren Kansas-Bassisten Billy Greer in den 80ern zwei Alben rausbrachte, zu kurzlebig - genau so wie seine britische Formation "City Boy" zuvor. Als Session-Gitarrist und Songschreiber tauchte sein Name vereinzelt immer wieder bei Alben von Warrant, Hardline oder House of Lords auf. Ende der 90er spielte er auf den beiden "Steelhouse Lane"-Alben; und im neuen Jahrtausend gab es dann mit Kansas-Basser Billy Greer mit "Seventh Key" eine Beinahe-"Streets"-Reunion. In die Reihe dieser AOR-Perlen, die viel zu wenig Beachtung fanden und nur in Insider-Kreisen verdientermaßen bejubelt wurden, reiht sich auch "Nowhere Land" stilistisch ein - für Mike Slamer eine Art (vorläufige) Krönung seines musikalischen Schaffens.
"Nowhere Land", das sind gut 60 Minuten Sahne-AOR, glanzvoller Melodic Rock mit leicht progressivem Einschlag und recht heavy. Slamer schreibt abwechslungsreiche Songs, die, obwohl Stil und Atmosphäre klar Richtung 80er-Jahre-Heavy-Rock gehen und sicherlich nicht revolutionär sind, zu keiner Sekunde ausgelutscht wirken. Slamers kunstvolle, rhythmisch prägnanten und melodisch weit ausholenden Riffs sind ebenso eine Wonne wie seine Soli. Und überhaupt ist hier instrumentale Spitzenklasse am Start. Wo andere Bands ein paar Akkorde raushauen und glauben, damit sei ein Song gleich ein guter Song, ist auf "Nowhere Land" die Gitarre fast ununterbrochen auf Wanderschaft durch rhythmische und melodische Sphären anspruchsvoller Spielkunst - unverbrauchte Riffs, vergnügte Frickeleien durchsetzt von wohlplatzierten Breaks.
"Not in Love" beginnt gleich mit einem anderthalb-minütigen instrumentalen Feuerwerk - erst dann wird klar, dass das Stück kein Prog-Instrumental ist, sondern dass da noch ein energischer Heavy-Rocker folgt. "Radiotauglich" ist definitiv etwas anderes! Das gilt sogar für eine Ballade wie "Come to Me" - die ist nämlich acht Minuten lang. Die verträumte Stimmung ohne Kitsch mit einem seichten Groove könnte durchaus auch von Toto stammen und wäre wie geschaffen für Steve Lukathers Stimme. Auf "Nowhere Land" übernimmt den Gesangsjob Terry Brock, den man von der "Seventh Key"-Aufnahme "Live in Atlanta" kennen könnte, wo er zweite Gitarre spielte und bereits prima Back up Vocals beisteuere. Er macht das sehr ordentlich; oft wird aber gleich im Bombast-Chor gesungen (Billy Greer ist auch dabei), was auch dank der glasklaren und druckvollen Produktion des Ganzen zu den fesselnden, dichten Atmosphären beiträgt.
"Nowhere Land" ist ein sicherer Tipp für alle, die AOR lieben und dabei auf ein gehobenes technisches Niveau und auch ein bisschen Tiefgang - so viel eben bei straightem Rock möglich ist - bestehen. Es geht in Richtung Toto (wegen der Prog-Anleihen), House of Lords, Extreme, vor allem aber Giant. Bestes Beispiel ist "Jaded": ein unscheinbarer Akustikgitarren-Beginn, eine bestechende Wende ins Rockende mit spannungsvollen Akkorden und wohl dosiertem Bombast mit feinfühlig eingesetzten Breaks. Zeitlos gut!