Zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist (1777 - 1811) hat der Münchner Hörverlag für alle Kleist-Freunde ein besonderes Geschenk parat: eine Hörbuch-Edition fast alle seiner Anekdoten und Novellen auf insgesamt 15 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 854 Minuten.
Eine besondere Zugabe ist, dass Rolf Boysen (Jg. 1920), der "große alte Mann des deutschen Theaters", für diese umfangreiche Lesung gewonnen werden konnte. Für den Hörverlag hat Boysen bereits die "Ilias", Dantes "Göttliche Komödie", das "Nibelungenlied" und andere Werke der Weltliteratur gelesen.
Die Lesung der Kleistschen Prosa entstand erst in letzten Monaten und zeigt den 90jährigen noch einmal in stimmgewaltiger Hochform. Mit Wucht, Melodie und Tragik in der Stimme bringt er die ungeheure Sprachkraft und die formstrenge Komposition der Novellen meisterlich zu Gehör und erschließt damit einen Dichter, der außerhalb der literarischen Hauptströmungen seiner Zeit stand.
Da sind zunächst die großen und bekannten Novellen "Michael Kohlhaas" und "Die Marquise von O...", in denen Kleist außergewöhnliche Schicksale schildert. Der Pferdehändler Kohlhaas wird in seinem Rechtsgefühl und seiner Menschenwürde derart verletzt, dass er für sich das Recht auf Widerstand und Aufruhr in Anspruch nimmt. In "Die Marquise von O..." setzte sich Kleist am Beispiel einer jungen Witwe mit den traditionellen Werten und Konventionen der damaligen Zeit auseinander.
Neben diesen beiden Hauptwerken der Kleistschen Prosa vereint die Hör-Edition noch andere Novellen: "Die Verlobung in St. Domingo" (Auseinandersetzung mit einem Sklavenaufstand), "Der Zweikampf" (Erörterung der Schuldfrage eines Mordes), "Das Bettelweib von Locarno" (Existenzkatastrophe nach dem Tod eines gebrechlichen Bettelweibes), "Der Findling" (ein Findling wird zum neuen Sohn) und "Das Erdbeben von Chili" (Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus).
Neben diesen Novellen beinhaltet die Hör-Edition noch Kleist' Essay "Über das Marionettentheater", verschiedene Briefe des Dichters und zahlreiche Anekdoten - darunter natürlich auch die berühmte "Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege", in der ein Wirt den Mut eines Reiters im Preußischen Krieg von 1806 beschreibt.
Das Booklet bringt neben den Kurzbiografien von Heinrich von Kleist und Rolf Boysen das Vorwort "Heinrich von Kleist und seine Erzählungen", das Thomas Mann zu einer amerikanischen Buchausgabe schrieb. Alle CDs und das Booklet sind in einem äußerst ansprechenden Karton verwahrt und bilden somit einen attraktiven Geschenkartikel zum Kleist-Jahr.
Fazit: Ein eindrucksvolles Hörbuch, das durch seinen Dichter und seinen Sprecher ein wahrhaftiger Klassiker ist. Eine äußerst gelungene und präzise Interpretation - nicht nur für Kleist-Kenner, sondern auch wunderbar geeignet als Einstieg in das Kleistsche Werk.
Manfred Orlick