Pressestimmen
"Wer hinter diesen Worten die Musik nicht hört, muss taub geboren sein ..." (Martin Mosebach, Frankfurter Allgemeinen Zeitung).
Rezension
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Novecento
OT Novecento. Un monologoOA 1994 DE 1999 Form Roman Epoche Moderne
Alessandro Bariccos Legende vom Ozeanpianisten (so der deutsche Untertitel) mit dem eigentümlichen Namen Novecento schwebt zwischen romanhafter Erzählung und szenischem Monolog.
Entstehung: Ursprünglich hatte Baricco seinen Text als Theater-Monolog für den Schauspieler Eugenio Allegri (* 1956) und den Regisseur Gabriele Vacis (* 1955) verfasst. Das Ein-Mann-Stück wurde zuerst im Juli 1994 bei einem Fes-tival in Asti aufgeführt. Erst danach entstand die Buch-Fassung, die für den Autor das »Gleichgewicht hält« zwischen einer »tatsächlichen Inszenierung« und einer »Erzählung, die laut zu lesen ist«.
Inhalt: Die »Virginian« ist ein luxuriöser Ozeandampfer, der zwischen Alter und Neuer Welt hin- und herpendelt. Im Jahr 1900 wird auf dem Klavier im Ballsaal erster Klasse ein Baby gefunden, das offenbar von Auswanderern nach Amerika ausgesetzt wurde. Der Matrose Danny Boodman zieht das Kind im Maschinenraum groß und gibt ihm den Namen Novecento (Neunzehnhundert). Als sein Ziehvater stirbt, entpuppt sich Novecento als genialer Musiker, der fortan als Pianist der Bordkapelle zu einer Legende wird. Als hätte er vier Hände, spielt er seine Musik, in der »alle Melodien der Welt« auf einmal enthalten sind. Sowohl die Tanzpartys der Reichen als auch die unter Deck zusammengepferchten Armen bekommen ihn zu hören. Doch in der offiziellen Welt existiert Novecento gar nicht; er hat weder Wohnsitz noch Geburtsdatum, Familie oder Heimat. Nie verlässt er das Schiff, auf dem er geboren wurde. Dennoch scheint er das Festland bis in seine Details zu kennen. Mit einem sensiblen Gespür nimmt er die Erzählungen, Gerüche und Blicke der Reisenden auf und setzt sie in Musik um.
Novecento wird so zur Metapher für die Lebensreise und Heimatlosigkeit des modernen Menschen. Vor allem aber zeichnet der Text ein poetisches Bild des Künstlers in seiner Weltangst. Auch als die »Virginian« im Zweiten Weltkrieg zum Lazarettschiff umgerüstet wird und anschließend verschrottet werden soll, hält Novecento ihr die Treue. Erst am Ende des Romans erfährt man, warum er nie von Bord gegangen ist: Im Unterschied zum Mikrokosmos seines Klaviers mit den 88 Tasten schien ihm die vielfältige Welt in ihrer Unendlichkeit Furcht einflößend; dieser äußeren zog er seine innere Unendlichkeit vor.
Aufbau: Die Geschichte wird von einem Freund Novecentos vorgetragen. Als Trompeter hatte er gemeinsam mit ihm zwischen 1927 und 1933 auf der »Virginian« musiziert. Er erzählt aus der Rückschau, wie Novecento gefunden wurde und zur bewunderten Legende aufstieg. Nach dem Krieg, als der Trompeter von der geplanten Sprengung des Schiffs erfährt, kehrt er zurück, um seinen Freund zu suchen. In der letzten Szene sitzt der Ozeanpianist auf einem Pulverfass, mit dem das heruntergekommene Schiff versenkt werden soll. Durch Regieanweisungen zeigt Baricco an, welche Musik die einzelnen Textpassagen begleiten soll.
Wirkung: Novecento ist an mehreren europäischen Bühnen aufgeführt worden. Zu seiner internationalen Bekanntheit hat jedoch vor allem die Verfilmung des Stoffs durch Giuseppe Tornatore von 1999 beigetragen (mit Tim Roth in der Titelrolle); allerdings zog sich der Film die Kritik zu, den Text von Baricco in ein nahezu kitschiges Fin-de-Siècle-Melodrama verwandelt zu haben. J. V.