Hinweise auf Bücher
«Geisteswissenschaft»
ujw. Sogar hartgesottene Logiker geben gelegentlich zu, dass die «letzten» Prinzipien ihrer Kunst nur «intuitiv» zu erfassen oder zu erschliessen seien. Wird so eigentümlicherweise das «Wissenschaftlichste», nämlich logisches Denken, im Vor-, Ausser- oder gar Unwissenschaftlichen gegründet? So etwa fragt sich Renatus Ziegler. Was das wissenschaftliche Denken selbst in seinen «aufrichtigsten» Momenten nur im Modus des Ausschlusses zu thematisieren sich getraut (s. o.), will der Autor, seines Zeichens Mathematiker, Logiker und Philosoph, ins Denken gleichsam zurückholen. Das Programm ist ambitiös. Beabsichtigt ist, das Denken «als ein selbstbestimmtes, in sich begründetes und notwendiges, als ein zusammenhängendes und kontinuierliches sowie als ein durch das autonome Subjekt (Ich) willentlich getragenes, einheitliches Geschehen darzustellen». Das richtet sich nicht nur gegen eine sich selbst dementierende wissenschaftliche Methodik. Im Visier ist ebensosehr die poststrukturalistische Subversion des Subjekts; ausserdem die Wittgensteinsche Resignation, der gemäss Philosophie und Wissenschaft «unsere Lebensprobleme» gar nicht berühren. Nicht zuletzt soll die sprachanalytische «Transformation» der Philosophie rückgängig gemacht werden. Die «Rücktransformation» in eine «auf unmittelbarer Erfahrung beruhende Wissenschaft des Denkens und Erkennens» trägt Züge einer sich über sich selbst aufklärenden «Phänomenologie des Geistes». Doch ist hier nicht die Hegelsche List der Vernunft am Werk, sondern die «anthroposophische Geisteswissenschaft» Rudolf Steiners. Ob das vorgelegte «Übungsmaterial» es bewegt sich in vielem auf Augenhöhe mit der avancierten Gegenwartsphilosophie den Anstoss zur gewünschten Einsicht in ein «einheitliches Geschehen» gibt, kann jedes Subjekt, autonom, wie es ist, nur selbst sagen. Vorausgesetzt, es möchte sich dem Ansinnen des Autors öffnen.
Musiksoziologie
ab. Der 1914 geborene Musiksoziologe und Musikwissenschafter Kurt Blaukopf veröffentlichte 1982 im Piper-Verlag München sein sehr erfolgreiches Buch «Musik im Wandel der Gesellschaft». Eine Taschenbuchausgabe und Übersetzungen folgten. Jetzt liegt das Buch in einem andern Verlag vor. Es ist um zwei umgestaltete, grossenteils neu geschriebene Kapitel erweitert worden. In das Kapitel «Neue Aufgaben für die Musiksoziologie» sind «jüngste Erfahrungen» eingearbeitet worden, und die heutige Macht der Medien wird in einem Kapitel «Die Mediamorphose der Musik als globales Phänomen» erfasst. Blaukopf nimmt noch heute an, dass im Gefolge von Arnold Schönberg atonale Gebilde «ganz konsequent und notwendig aus der immanenten Entwicklung der Tonalität als Musiksprache folgten», und untersucht deshalb in der Annahme einer Entwicklung auf die Atonalität zu die «Resistenzkraft der Tonalität». Indessen wird «Atonalität» heute eher als Teil einer immerwährenden, sich dauernd wandelnden Tonalität verstanden. Blaukopfs Buch ist sonst vorsichtig in Hypothesen, umsichtig in seiner Argumentation und weitsichtig gegenüber jenen Verlagerungen, die sich aus dem «Wandel der Gesellschaft» in der Musik tatsächlich einstellen können.
Grosse Meister als Blickfang
ces. Über 800 Bilder von rund 300 der berühmtesten Photographen, alphabetisch geordnet von Ansel Adams bis Piet Zwart, knapp biographisch eingeführt und eingefasst von Cartier-Bressons legendärem Bild «Rue Mouffetard» auf der Titelseite und Man Rays «Lippen an Lippen» auf dem Buchrücken: «Photographie des 20. Jahrhunderts» zeigt eine umfangreiche und beeindruckende Auswahl von Bildern aus dem Bestand des Museums Ludwig in Köln, das eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Photographie besitzt. Die Frage nach dem Sinn einer solchen Publikation bleibt: die Photosammlung innerhalb eines Museums moderner Kunst legt die Akzente weniger fachspezifisch als disziplinübergreifend. So vermisst man gewisse für die Photographiegeschichte massgebende Namen wie Aaron Siskind, Nora Dumas, Gertrude Käsebier, Charles Sheeler oder Robert Frank. Die Auswahl der die einzelnen Künstler repräsentierenden Bilder ist sehr oft zufällig, weil vom Museumsbestand vorgegeben. Das Buch ist als Lexikon für den Laien unzuverlässig, für den professionellen Gebrauch zu oberflächlich vorwiegend Blickfang. Als Katalog, der in die namhafte Sammlung einführt, erfüllt es durchaus seinen Zweck.
Französischer Herrscherreigen
tmn. Vom Konvertiten Chlodwig über Karl den Grossen bis zu François I er, Henri IV und dem guillotinierten Louis XVI, ja bis zu Mitterrand und Chirac: Frankreich sieht seine Geschichte und Kontinuität wie sonst kein anderes Land in seinen Monarchen symbolisiert. Etwas kleinlicher beantwortet der empfindliche deutsche Historiker die Frage, mit welchem König die französische Geschichte als solche beginnt: Die zwei für einen weiten Leserkreis verfassten Sammelbände mit Herrscherbiographien setzen bei Odo von Paris (888898) ein, mit dem die Kapetinger vorübergehend erstmals an die Macht kommen. Königsbiographien schreiben zwangsläufig Geschichte von oben, vor allem Innen- und Aussenpolitik und manchmal auch «Geschichten», Anekdotisches aus den Palasträumen; die Beiträge sind jedoch auf dem neusten Forschungsstand, der jeweils auch durch eine kurze «bibliographie raisonnée» dokumentiert wird. Die grösseren Zusammenhänge werden in der Einleitung des zweiten Bands für die Neuzeit skizziert; ein solcher Überblick hätte auch dem ersten Band nicht geschadet. Erfreulich ist allemal, dass ein solches Unterfangen sich ausschliesslich auf (insgesamt 29) deutschsprachige Spezialisten stützen kann; der Blick über den nationalen Zaun ist keine Ausnahme mehr.
Noch immer: Vom Sexus
rox. Manchmal schlägt der Buch- bzw. Übersetzungsmarkt seltsame Kapriolen. Da erschien 1984 bei den renommierten Editions du Seuil ein Band, der den neuen Wind in den Geschichtswissenschaften (Stichwort Annales) repräsentierte und das Thema «L'amour et la sexualité», damals noch nicht so abgegriffen wie heute, von vielversprechenden Autorinnen und Autoren behandeln liess. Georges Duby gab das Buch heraus, und zu lesen waren Beiträge von Philippe Ariès (Empfängnisverhütung einst), Alain Corbin (Die Faszination des Ehebruchs), Catherine Salles (Die Prostituierten in Rom) und vielen anderen mehr. Georges Duby musste im Vorwort das Thema einleitend gleichsam noch verteidigen; die Geschichtsforschung habe das Forschungsfeld «Frau, Sexualität, Liebe» bisher vernachlässigt. Nun, ein gutes Dutzend Jahre und Abertausende Seiten «Sexualitätsforschung» später, springt der Boer-Verlag auf den (noch) fahrenden Zug auf und lässt Georges Duby seine damalige Einleitung nochmals auf deutsch vortragen. Was aber nicht heissen will, dass etwa Corbins historisches Rezitativ über den Ehebruch an Interesse verloren hätte.
Zersprengte Biographie
H. Sf. Der Spanische Bürgerkrieg war für kommunistische Intellektuelle und Schriftsteller die kritische Probe auf ihr Verhältnis zur Partei. Auch dem lange linientreuen jugoslawischen Kommunisten Dragutin Fodor (19001974), der seit seiner Flucht nach Deutschland 1929 unter dem Namen Theodor Balk durch sozialkritische Reportagen bekannt wurde, ist die Spannung zwischen dem glühenden Engagement des Kämpfers und der Machtpolitik der Partei zum Problem geworden. 1937 gehörte er zu den «Internationalen Brigaden». Sein Tagebuch aus dieser Zeit ging verloren, er fand es durch Zufall 25 Jahre später wider. Damals lebte er immer noch (oder: schon wieder) im Exil, diesmal in Prag, und sah sich von den Verfolgungen im Zuge des Slansky-Prozesses bedroht. Unter dem Eindruck des «Prager Frühlings» hat er dann zu Beginn der siebziger Jahre sein altes Kriegstagebuch mit der Geschichte seiner Wiederentdeckung, mit Streiflichtern von Reisen im Ostblock der Nachkriegszeit und mit reflexiven Passagen montiert. Dabei machte ihn vor allem die erkennbare Diffamierung vieler ehemaliger Spanienkämpfer in der ausgehenden Stalinzeit ratlos. Die Erzählweise ist schlicht, Anekdotisches überwiegt. Die intellektuelle Bewältigung der «Entartung» des Kommunismus fällt dieser sehr glaubensbereiten Seele schwer. Der Versuch, frühe Spuren eigener Ketzerei zu rekonstruieren, ist ein bekanntes Muster solcher Erinnerungsliteratur, mit dem zersprengten Biographien Sinn gegeben werden soll. Das Nachwort versagt sich jede kritische Analyse solcher Sinngebung.
Theodor Balk: Wen die Kugel vor Madrid nicht traf. 220 Seiten. Röhrig-Verlag, Saarbrücken 1996.
PragBerlin: eine vergessene Route
kmg. Auf der Landkarte der europäischen Literatur gab es bis zum grossen kulturellen Kahlschlag des Nationalsozialismus zwischen den beiden Metropolen Prag und Berlin viele Verbindungen. Die europäische Integration der letzten Jahre hat zwar manche Grenze geöffnet, aber die Welt von gestern ist niemals wieder zu gewinnen. Immerhin ist es heute möglich, unbefangener Bilanz zu ziehen als noch vor ein paar Jahren. Jenseits mitteleuropäischer Euphorien gilt es festzuhalten: Selbst zu Zeiten, da in Prag Weltliteratur in deutscher Sprache geschrieben wurde, lebten tschechische und deutschsprachige Künstler mehr neben- denn miteinander. Rar blieben stets die Mittlergestalten, die den geistigen Austausch zwischen den Sprach- und Volksgruppen förderten. Einer von ihnen war der 1878 geborene Camill Hoffmann, der als deutschsprachiger Dichter tschechischer Diplomat in Berlin wurde. Gestalten wie dem 1944 in Auschwitz ermordeten Camill Hoffmann ist ein Sammelband gewidmet, der sich mit der Achse Berlin Prag beschäftigt und den Spuren von sechs Prager Schriftstellern nachgeht, die in Berlin gewirkt haben. Erinnert wird mit monographischen Skizzen und reichem Bildmaterial an den neoromantischen Dichter Adolf Bondy, den legendären Wegbereiter des Expressionismus Victor Hadwiger, den bedeutenden Publizisten Richard A. Bermann-Höllriegel, den Theaterkritiker Paul Wiegler, der den umgekehrten Weg, von Berlin nach Prag, ging, und an den vergessenen Dramatiker Otto Zoff.
Novalis: Philosophische Poesie
lx. Dass Versandhauskataloge ihren Kunden neuerdings den Anbruch einer «Neo»-Romantik suggerieren, wird bei jenen, die sich an der ungebrochenen Aktualität Georg Friedrich Philipp von Hardenbergs laben, kaum ein dünnes Interesse hervorrufen. Zwei Namen zu führen; den einen für die bürgerliche Existenz, den anderen für die poetische Flucht, das zeichnet wohl auch die Ambivalenz in Novalis' innerem Leben aus. Berbeli Wanning hat ihre Annäherung an dieses Leben, das Poesie und philosophische Fragmente zwischen Ingenieurskunst und Naturforschung streute, absichtsvoll unter die Klammer des aufgelösten Widerspruchs gestellt. Das Nebeneinander von wissenschaftlicher und dichterischer Arbeit bei Novalis sei zu verstehen als eine programmatische Antwort, die das Ganze des Kosmos wieder einfangen wolle. Novalis verstehe die Entzweiung zwischen Geist und Natur als Degenerationserscheinung, der er das Gegenbild der schöpferischen Phantasie entgegenstelle. An Aktualität habe dieses Unternehmen nichts eingebüsst.
Vielgesichtige Vernunft
upj. Den im Europa des achtzehnten Jahrhunderts (wieder-)geborenen Gedanken der Vernunft muss man sich heute nicht mehr notwendigerweise als jenen berühmten «aufrechten Gang» vorstellen und auch nicht mehr als das beharrliche Anmahnen hin zum Besseren, zu Aufklärung und Menschenwürde. Die «eine» Vernunft teilt sich längst in viele Rationalitäten, und wer über Differenz und Bevormundung nachdenkt, darf dies als Beitrag zum Rationalitätsbegriff der Moderne verstehen. Davon geht der anzuzeigende Sammelband aus. Indem er wichtige Beiträge zu Inhalt, Begründung und Tragfähigkeit eines universalistischen Begriffes von Vernunft repräsentiert, kratzt er gleichzeitig kräftig an der Tradition des «okzidentalen Rationalismus» (Max Weber). Herta Nagl-Docekal stellt die feministische Vernunftkritik dar, Wolfgang Welsch das Projekt einer «transversalen Vernunft». Nur Onora O'Neill geht wieder «zurück zu Kant», allerdings mit einer Reflexion über «Kants Anti-Rationalität».
Musik im Bilde
rur. Klaus Kropfinger hat zu seinem 65. Geburtstag eine Auswahl seiner Schriften «zu Analyse, Ästhetik und Rezeption in Musik und Kunst» herausgegeben. Es sind 28 Beiträge in zwei Bänden. Weimar habe dem Autor die Augen für van de Velde und das Bauhaus geöffnet. Diese Auswahl dokumentiere «die daraus erwachsene Sensibilisierung für die gemeinsamen Antennen von Musik und bildender Kunst». Antennen: die des Autors? Oder die der beiden Kunstmöglichkeiten? Die Sammlung orientiert sich an fünf thematischen Blöcken: Rezeption; Beethoven; Wagner; das Verhältnis Musik - Malerei; Luigi Nono. Neugierig auf Vertiefung machen Titel wie «Wagners 9. Symphonie Das ambivalente Werk» oder «Wagner van de Velde Kandinsky». Ein Verzeichnis der Publikationen des Autors registriert 91 Beiträge. Die Auswahl kommt mit einigen Tabellen, wenigen Bildwiedergaben und fast keinen Notenbeispielen aus.