Die "Notizhefte" sind in gewisser Weise eine Fortsetzung von "Der lange Schatten", in denen Ritter seine Artikel in der FAZ von 1985-1990 veröffentlicht hat. Ritter veröffentlicht mit den "Notizheften" seine Gedanken des Tages der Jahre 1989 bis 2009. Die Gedankensplitter eines wertkonservativen Intellektuellen. Das Notizheftformat ist unverkennbar: Unfertiges, literarische und philosophische Entdeckungen, wenig Systematisches, Miszellen. Unterhaltsam meist, manches zum Nachdenken oder Erstaunen. Kämpfe um Deutungshoheit einerseits, auch konservative Selbstvergewisserung. Ritter bezieht sich positiv auf Montesquieu, Montaigne, Voltaire, auf Kritiker der frz. Revolution.
Interessant, auf welche Traditionen sich Ritter positiv bezieht. Es sind die die aufkärerischen, aber auch antirevolutionären und rechtsliberalen Denker des frühen 19.Jhdts.
1990 war eine politische Zäsur, auf die die deutschen Intellektuellen verschiedener politischer Coleur kaum oder hilflos ("neue Unübersichtlichkeit") reagiert haben. Ritter verspottet die (meist linken) Intellektuellen, die mit der bürgerlichen Revolution von 1989/90 ihre Probleme hatten, dafür, dass sie es sich in der alten BRD so gemütlich eingerichtet hatten. Das Buch von Ritter ist aber nicht nur auch das eines Intellektuellen der alten Bundesrepublik. Ritter bezieht sich vor allem auf die Traditionen des 19. Jhdts. und der "Moderne" des 20. Jhrdts. Es reagiert geistig nicht auf politische Veränderungen seit 1990 (außer einer Notiz zu 9/11, wo es abe eher um Fragen des Verhälnisses von Medien und Realität generell geht).
Dies ist aber auch kein politisches Buch im engeren Sinn, sondern ein kulturgeschichtliches Notizbuch. Trotzdem ist es etwas enttäuschend, wie wenig die Aktualität des politischen Prozesses von 1989 bis 2009 Ritter zu grundsätzlichen Fragen Anlass gibt. Ritters Bezugspunkte sind vor allem Intellektuelle der bürgerlichen Literatur und Philosophie des 19. und beginnenden 20.Jhtds: Valery, Chamfort, Zola, Proust, Renard etc. und vor allem Stendhal (!), auf deutschsprachiger Seite Nietzsche, Jünger, Carl Schmitt, Benn, etc., mit denen er sichauseinanderstezt, dren Gedankenwelt sein "weites Feld" ist.
Ritters "Notizhefte" dient vielleicht dem einen oder anderen Konservativen als geistige Selbstverständigung gegen die intellektuelle Armut der Rechten heute. Der immer wieder zu hörende Vergleich mit Adornos "Minima Moralia" ist aber falsch. "Die Notizhefte" sind kein moralisches, kein handlungs(an)leitendes Buch, sondern ein Buch intellektueller konservativer Rückbesinnung auf frühere (Hoch-)Zeiten des konservativen Bürgertums (Voltaire), eher vergleichbar mit La Rochefoucauld, aber weniger aus der Beobachtung der äußeren Welt, mehr in der Reflektion auf Gedanken und Handlungen anderer Denker und Literaten.
Ritter schreibt mit Blick auf G.Benn: "Geistige Menschen dürften auch heute jene sein, die ein besonderes Sensorium haben für Entwicklungen (...), die darauf warten, (Wirklichkeit) zu werden." (177). Ritter ist ein zu literarischer Kopf, als dass er die kommenden Wirklichkeiten hat wahrnehmen können. Ritter ist ein vor allem zurückschauender, eurozentischer homme des lettres, kein Intellektueller im Sinne des intellectuel engage, sein typologischer Gegenspieler, und schon gar kein Utopist oder Romantiker.
Und was den von vielen Rezensenten immer wieder mornierten Preis angeht: Bei der geringen Auflage für diese Literatur ist er nahezu normal, zumal als Hardcover, und seit wann wird Qualität in Preis und Anzahl der Seiten gemessen? Man kann froh sein, dass in Deutschland (anders als fast überall sonst in Europa und der Welt) solche Bücher noch erscheinen, weil sie über die Bestseller mitfinanziert werden.