"Wieviel Aufrichtigkeit von einem Freund ertragen Sie in Gesellschaft oder schriftlich oder unter vier Augen?" -- "Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch [...] trotzalledem den Reichen?" -- "Haben Sie schon einmal gemeint, daß Sie sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen?" Als letztes kann man die Antwort ankreuzen "die Unordnung in den Schubladen"... Treffer!
Fragen sind das... Und der erste Gedanke, der sich beim Lesen einstellt, lautet: Woher weiß der das nur?! Der zweite Gedanke spricht ebenfalls für Frischs hinterhältige Fragen und seinen scharfen Sinn. Dieser zweite Gedanke lautet nämlich "Will ich diesen Gedanken tatsächlich schriftlich festhalten, auf die Gefahr hin, dass das ein Unbefugter in die Finger bekommt?" Die Möglichkeit dazu böte der Band immerhin an, ansprechend genug gestaltet ist er, und im Gegensatz zu früheren Ausgaben wäre genug Platz da zum Festhalten eigener Gedanken. Nur sind Frischs Fragen und seine angebotenen Antworten eben dermaßen indiskret und dermaßen treffsicher, dass ich meinerseits einen weiteren Fragebogen anfügen könnte: Wollen Sie Ihre Gedanken tatsächlich alle schriftlich festhalten? Soso, und warum nicht?" Aber lassen wir das; schließlich gibt es auch arglosere Naturen als mich, und die Herausgeber haben fürs Layout ein Lob verdient.
Fragebögen sind das, die so ganz anders sind als die Zeittotschläger, die man aus Zeitschriften zum Zeittotschlagen kennt. Frisch formt dieses Genre zur literarischen Gattung und umkreist damit die existentiellen Fragen des Lebens: Die Bedeutung des Individuums, Ehe, das Verhältnis von Männern zu Frauen, Hoffnung, Humor, Geld und Besitz, Freundschaft und Liebe, Heimat, Tod.
Besonders hinterhältig sind natürlich die Nachhaker, diese "Warums" im Nachklapp: "Fürchten Sie sich vor den Armen? Warum nicht?" -- Frischs Metier ist es, das scheinbar Selbstverständliche in Frage zu stellen. Wie er hier mitunter im unschuldigsten Tonfall die Sicherheiten aushebelt und den Blick auf unerwartete Abgründe freigibt, grenzt ans Geniale. Mit wenigen Fragen, die bereits signalisieren, dass man sie sich nur selten ehrlich beantwortet, umreißt Frisch hier komplexe Charakterisierungen, und hinter jedem Fragebogen lauert bereits ein heimlicher Roman -- wenn's denn nur einer ist.
Übrigens: Die Frage, woran man den Reichen in der Badehose erkennt, konnte ich erst Jahrzehnte, nachdem ich sie zum ersten Mal gelesen hatte, beantworten.
Dieses Notizbuch enthält alle Fragebögen aus Max Frischs "Tagebuch 1966-1971", wo sie auch als gliederndes Moment dienen. Hier nun, aus dem damaligen Kontext herausgelöst, entwickeln die Fragebögen eine ganz eigene Dynamik -- dass sie gescheit und hinterhältig sind, wusste man, aber wie gescheit und wie hinterhältig sie tatsächlich sind, das zeigen sie erstrecht ohne Kontext. Freilich, wer das "Tagebuch 1966-1971" bereits hat und außerdem seine Gedanken lieber für sich behalten will, kann die "Fragebögen" an anderer Stelle am Stück lesen.