Was unterscheidet uns Menschen von allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten? Nur wir sind im Gegensatz zu Hund, Katze, Maus etc.pp. dazu in der Lage, in Kategorien wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu denken. Daraus ergibt sich unweigerlich, dass jeder von uns weiß oder zumindestens wissen sollte, dass ihn eines Tages das Zeitliche segnen wird. Doch da wir schlechterdings nicht fähig sind uns das Nichts vorzustellen, sind wir zu wahren Meistern geworden, in unserem Alltag die Allgegenwärtigkeit des Todes zu verdrängen. Im Grunde genommen dient ein Großteil der menschlichen Kultur nur diesem einen Zweck. Die Religionen dieser Welt sind im Kern nichts anderes als Trostspendekonstrukte, die die Angst vor dem Tod nehmen sollen. Selbiges gilt auch für einen Großteil der abendländischen Philosophie, die und das richtige Leben lehren will, um dem Tod gelassen entgegen gehen zu können. In seinem neuen Roman "Nothing to be frightened of" widmet sich Julian Barnes auf seine eigene und im besten Sinne höchst englische Art und Weise diesem Thema. Mit viel Witz, Ironie und doch zutiefst ernsthaft unternimmt Barnes eine Reise durch seine eigene Familiengeschichte und versucht unter Berücksichtigung der geläufigsten religiösen und säkularen Antworten auf die Endlichkeit der menschlichen Existenz seinen Frieden mit Gevatter Tod zu machen.
"People say of death, 'There's nothing to be frightened of.' They say it quickly, casually. Now let's say it again, slowly with re-emphasis. 'There's NOTHING to be frightened of'" (99). Im Titel des Romans befindet sich der Grund, warum der Tod für uns so etwas Unvorstellbares darstellt. Wir können uns nicht das Nichts vorstellen, geschweige denn, eine Ewigkeit in diesem Nichts verbringen zu müssen. Die Hinwendung zu Gott ist für den Atheisten Barnes kein Ausweg. Im ersten Satz des Romans bringt er diese Einstellung sehr schön zum Ausdruck: "I don't believe in God, but I miss Him" (1). Wer möchte sich nicht gerne in die Arme einer allwissenden Sinnstiftungsmaschine flüchten, die eine Antwort auf alles hat. Barnes jedoch hält es eher mit Montaigne, der in seinen bis heute faszinierenden
Essais seine Philosophie selbst mit einem Zitat Ciceros umschreibt: "To be a philosopher is to learn how to die" (39). Dahinter steht der Gedanke, dass ein zufrieden gelebtes Leben die beste Vorbereitung auf den eigenen Tod ist: "If you teach someone how to die die, then you teach them how to live" (41).
Der Roman ist jedoch mehr ist jedoch mehr als eine Einführung in die Todesthematik aus philosophischer Perspektive, auch wenn dies mit solch einer Leichtig- und Zugänglichkeit passiert, dass man gleich zu den Originaltexten greifen möchte. Zu den bemerkenswertesten Stellen gehören Barnes Beschreibungen des Sterbens seiner Eltern sowie sein Umgang damit. Gerade in diesen Passagen beeindruckt der Roman mit dieser Mischung aus leichter Ironie und tiefer Ernsthaftigkeit.
"I would expect a dying person to be an unreliable narrator, because what is useful to us generally conflicts with is true, and what is useful at that time is a sense of having lived to some purpose, and according to some comprehensible plot" (190). So gesehen ist ein menschliches Leben durchaus vergleichbar mit einem Roman: Aus vielen unzusammenhängenden Episoden entsteht im Rahmen einer Erzählung die Illusion einer in sich stimmigen Gesamtkonstruktion mit Einleitung, Hauptteil und Schluss, die einen Sinn ergibt. Einen Sinn, den wir all verzweifelt zu finden versuchen.
Fazit: Ein zutiefst unterhaltsames, anspruchsvolles und bewegendes Lesevergnügen. Barnes Roman hat alles, was gute Literatur ausmacht. Unbedingt lesen!!