Ich habe schon lange kein so seltsames und so schwer zu erklärendes Buch gelesen. Es war ein Spontankauf, denn das Cover ist ansprechend gestaltet, und der Rückentext klingt auch nicht anders als bei anderen Vertretern des Genres. Warum also nicht zugreifen? dachte ich mir. Naja. Es war mit Sicherheit kein Fehlkauf, aber irgendwie wird man mit dem Buch auch nicht ganz warm.
Das Buch beginnt mit dem Vorwort, dass der Autor "fast 1/10 seines Lebens" in Deutschland verbracht hat. Da das aktuelle Alter jedoch freilich unbekannt ist, weiß der Leser stets nicht so recht, was er davon halten soll, denn schließlich ist das ganze so kein Beweis dafür, dass John Madison aus Oklahoma wirklich die nötige Ahnung besitzt, die ein Buch über deutsche Arten und (überwiegend) Eigenarten rechtfertigt. Schließlich muss 1/10 eines Lebens keine lange Zeit sein. Auch wird in der Kurzbeschreibung des Autors erwähnt, dass Madisons Aufenthalt in Deutschland sich hauptsächlich auf ein Praktikum in Hamburg, ein Austauschjahr in München und einen Arbeitsplatz bei einer Firma in Salzgitter beschränkte. Wo er irgendwann kündigte, um sich zur Ruhe zu setzen. Und nach sieben Monaten pleite und wieder zurück in den Staaten war. Dennoch ist man frohen Mutes, man hat sich ja ein als lustig angepriesenes Buch gekauft, und beginnt mit dem ersten Kapitel. Das kommt dann über den Leser wie einer der apokalyptischen Reiter: Zunächst mal fällt einem auf, dass Madison die deutsche Sprache ganz offensichtlich richtig, RICHTIG scheiße findet, auch, wenn er das in viel nettere Worte verpackt, einer Begabung, die laut ihm jedem Amerikaner in die Wiege gelegt ist - den Deutschen natürlich nicht, die sind eiskalt und sagen was sie denken. Weiterhin macht er sich in den ersten beiden Kapiteln "Sprache" und Kultur" noch unter anderem über diverse Wortähnlichkeiten zwischen dem Deutschen und dem Englischen lustig. Aber halt! Es gibt einen wichtigen Unterschied hierbei! Nämlich das amerikanische Englisch und das britische Englisch. Laut Madison lernen die Deutschen grundsätzlich das britische Englisch, was er, und er verallgemeinert da gleich die ganzen USA, ziemlich bescheuert findet. Warum, weiß er offenbar auch nicht so recht, aber das Kapitel schließt mit der angeblichen Tatsache, dass Amerika toll, Deutschland seltsam, und Großbritannien beknackt ist.
Zudem findet man im Kulturkapitel noch verschiedene Abhandlungen über Themen wie "Warum wollen die Deutschen immer alles vollkommen perfekt und geordnet haben (Weil sie Erbsenzähler sind), oder warum vergeuden die Deutschen ihre Zeit damit, beim Zahlen an der Tankstelle extra ins angrenzende Haus zu gehen, sich dort anzustellen, und wieder zurückzulatschen, statt bequem vom Autofenster aus mit der Kreditkarte zu blechen - so wie in Amerika? Keine Sorge, jeder der jetzt vielleicht schon leicht empört die Nase rümpft, der sei beruhigt, denn tatsächlich gibt es etwas, was das Lesen fortwährend wirklich amüsant macht, und Kraft für neue Clichées gibt. Aber das erst am Ende.
Natürlich kann man nicht verallgemeinern - so wie es der Autor nur zu oft tut - und behaupten, dass das Buch die ganzen 188 Seiten so weitergeht. Oft genug gibt es echte Lacher, etwa wenn Madison auf die deutsche Eigenart hinweist, dass jedes Mal, wenn bei Aldi eine zweite Kasse geöffnet wird, ein regelrechter Krieg um die guten Plätze ausbricht. Oder wenn er sich darüber verwundert, warum wir Deutschen im Krankheitsfall erst dann wieder zur Arbeit gehen, wenn der Doktor es für angemessen hält (Und dass unsere Chefs das akzeptieren, anders als die amerikanischen). Überwiegend besteht das Buch ja auch aus solchen kleinen alltäglichen Geschichten, die einen schmunzeln oder laut auflachen lassen. Denn sein wir mal ehrlich: Wir Deutschen sind schon ein komisches Volk! Nur eben nicht so extrem und einzigartig wie der Autor es gern verdeutlicht. Tatsächlich könnte das Buch ein echter Bestseller sein, wenn es sich wenigstens für eine Stilrichtung entscheiden würde. Stattdessen wechseln sich die lustigen Sidestories (Luftbewegung kann für Deutsche tödlich sein, weil sie dann "Zug" kriegen!) und jene Abschnitte stetig ab, bei denen man nur stirnrunzelnd den Kopf schütteln kann (Etwa wenn Madison uns ein "Volk von traurigen Versagern" nennt, weil wir nur Cola, Fanta, und "Schbrait" haben, aber nicht Sierra Mist, Diet Rite, Jolt, Mellow Yellow, Nehi und Slice kennen.)
Hallo, geht's noch? Ist doch nicht unsere Schuld, dass diese amerikanischen Getränkeikonen bisher noch nie nach Deutschland exportiert haben! Oder?
Bevor das Urteil fällt, jetzt noch die Auflösung zu obiger Andeutung: Es ist nämlich so, dass sich die deutsche Übersetzerin das Recht herausgenommen hat, fast jedes Geschichtchen aus Madisons Feder mit einer höchst komischen Fußnote ihrerseits zu kommentieren. Das ist so mehr als ungewöhnlich, aber auch herrlich erfrischend. Tatsächlich sind jene Fußnoten warscheinlich das lustigste am ganzen Buch, denn wenn die Übersetzerin den Autor dafür mockt, dass er "Gottes Eingriff bei der Weltmeisterschaft 2006 (Es schien einen ganzen Monat lang die Sonne über Deutschland!) mit der Teilung des Roten Meeres vergleicht, sie lautstark die guten deutschen Brötchen verteidigt, oder sie sich darüber auslässt, dass Amerikaner mit dem Auto ins Fitnesstudio fahren, und dort auf einem Laufband trabend auf einen Fernseher mit Landschaftsbildern starren, hängt man nur noch im Sessel und ringt mit den Lachtränen.
Ohne jetzt noch mehr Geschichten aus dem Buch vorweg zu nehmen, fälle ich deswegen jetzt ein Urteil: Ja, das Buch ist überwiegend lustig und in massentauglichem Humor geschrieben. Leider verfehlt es etwas zu oft sein Ziel, nämlich genau dann, wenn der Autor die Deutschen lieber kritisiert als karikiert, und immer lässt er allzu offensichtlich die Patriotenkeule schwingen, aka: Amerika = Größer, Besser, Toll, Deutschland und der Rest der Welt = Merkwürdig und oftmals ziemlich doof. Eingeschränkt zu empfehlen also für diejenigen, die sich nichts aus der teilweise ignoranten Einfältigkeit eines Autors machen, der zwar lustig schreibt, aber glaubt, Deutschland in all seinen Facetten zu kennen, bloß weil er hier mal ein paar Jahre gelebt hat. Denn schließlich gilt bei ihm das selbe wie bei uns, wenn wir nach Amerika oder in ein anderes Land kommen: Dort herrschen andere Sitten - und wir müssen sie ja nicht unbedingt verstehen.