Nein, eigentlich ist es nicht möglich, ein verlässliches Buch über die Lebensbedingungen einfacher Menschen in Nord-Korea zu schreiben (und noch unmöglicher über die Lebensbedingungen der Nomenklatura).
Barbara Demick tut das einzig mögliche, sie interviewt in Süd-Korea Flüchtlinge, die aus Nord-Korea stammen. Das ergibt durchaus eindringliche - und bedrückende - Schilderungen. Aber, ich habe mich nun lange und intensiv mit diesem Land beschäftigt und bin selbst in NK gewesen und bin auch außerhalb Pyongyangs gereist: Bei diesem Buch bleibt ein leicht schaler Nachgeschmack!
Das Buch (ich habe die amerikanische Originalausgabe gelesen, mit dem Titel "Nothing to envy - Real lives in North Korea") hat - naturgemäß - gleich mehrere Schwachpunkte:
- Alle Bilder Nord-Koreas sind notwendig interessengeprägt. Machen wir uns nichts vor, nicht nur der NK-Geheimdienst manipuliert, auch Süd Korea tut dies massiv und dies tun auch die Amerikaner. Was ist real, was ist übertrieben, was ist erfunden an diesen Berichten? Ich weiß es nicht. Das Buch liefert eine durchaus plausible Sicht, aber ist diese einigermaßen "objektiv", ich bezweifele es. Für was sind diese wenigen Flüchtlinge repräsentativ?
- Das Buch erklärt nicht, warum die Dinge in NK so laufen, wie sie laufen; die Ursachen und Mechanismen dieses Systems bleiben völlig offen. Ich denke z.B. man kann nicht ansatzweise verstehen, was dort passiert, wenn man weiß, dass das Land im Korea Krieg von den Amerikanern buchstäblich in die Steinzeit zurück bombardiert wurde. Das waren so massive Kriegsverbrechen - auf beiden Seiten - das muss zu "pathologischn" Wirkungen führen.
- Demick nimmt einen Faktor überhaupt nicht wahr: Die extrem (fast faschistische) ausgeprägte Betonung der vermeintlich überlegenen koreanischen Rasse. Der Autor B.R. Mayers hat dies kürzlich in seinem überaus lesenswerten Buch "the cleanste Race dargelegt. In der tat, dieser Extremrassismus erklärt so manchen schrillen Ton (nicht nur) im Norden.
Insgesamt neige ich dazu dem interessierten Leser zu raten (so er/sie Englisch versteht), sich vielleicht eher die einschlägigen Internet Blogs anzusehen, das bringt mehr und abgewogenerer Informationen (z.B. "Nk Economy watch").