Anfang der Neunziger trennten sich mit Iron Maiden und Judas Priest gleich zwei der bedeutendsten Heavy-Metal-Bands der Welt, und stellten ihre langjährigen Fans damit auf eine sehr harte Probe. Beide Gruppen fanden zwar wieder gute Frontmänner, mussten aber schon sehr schnell feststellen, dass diese leider nicht in die Fußstapfen von Bruce Dickinson oder Rob Halford treten konnten. Sowohl Iron Maiden als auch Judas Priest veröffentlichten nach der Trennung jeweils zwei akzeptable, aber aus der Sicht vieler Fans doch eher unbedeutende Alben. Bruce Dickinson und Rob Halford hingegen starteten jeweils Solokarrieren, wobei der Metalgott zuerst mit - Fight - eine neue Gruppe gründete, mit der er ein gutes und überzeugendes Debütalbum - Fight War Of Words - veröffentlichte und zwei Jahre später ein hörbares, aber ebenfalls eher bedeutungsloses zweites Album - A Small Deadly Space - folgen ließ, was unter anderem auch der Grund war, dass sich die Band kurz danach auflöste. Auch der zweite Versuch - Two - konnte die Fans nicht wirklich überzeugen, so dass der Metallgott, im Gegensatz zu Bruce Dickinson, der mit zwei bärenstarken Solo-Alben - Accident Of Birth und Chemical Wedding - seine Fans mehr als beglückte, erst mit - Resurrection - im wahrsten Sinne wieder auferstand, und seine Anhängerschaft zurückgewinnen konnte.
Nachdem sich Iron Maiden 2000 wiedervereinigten, und mit - Brave New World - eines der für mich besten Iron-Maiden-Alben überhaupt vorlegten, ging ein spürbarer Ruck durch die ganze Metallszene, und so vereinten sich Judas Priest wenig später ebenfall wieder, und veröffentlichten mit - Angel Of Retribution - ein für mich gutes, aber nicht durchweg hochkarätiges Album. Dennoch konnte man aus Titeln wie - Angel, Eulogy und dem sensationellen Lochness - erkennen, dass auch Judas Priest, ähnlich wie Iron Maiden, ihren musikalischen Stil in Richtung Progmetal veränderten, sprich anspruchsvoller wurden. Diese Richtungsänderung gefiel allerdings nicht allen Fans. Vor allem bei den ganz eingefleischten Heavy-Metal-Hören, stieß dieses Album sogar auf Ablehnung.
Unbeeindruck davon produzieren Judas Priest vier Jahre später mit dem Doppelalbum - Nostradamus - erstmals in ihrer musikalischen Karriere ein Konzeptalbum, indem sie mittelalterliche Geschichte und Überlieferungen eindrucksvoll in Heavy-Metal-Musik verwandeln und mit Progelementen verzieren. Das Album beschäftigt sich thematisch mit dem Apotheker Michel de Nostredame, der im 16. Jahrhundert auch als Arzt und Astrologe gearbeitet hat. Der Überlieferung nach war er ein hochgelehrter Mann, der bei seinem Großvater neben alten Sprachen wie Latein, Griechisch, und Hebräisch auch Mathematik und Astrologie erlernte. 1535 verlor er seine erste Frau Henriette d'Encausse, sowie seine beiden Kinder aufgrund der Pest bzw. der neuen Krankheit Diphtherie.
Da er gegenüber einem Erzgießer, der eine Madonnenstatue herstellte, geäußert haben soll, dass dieser Teufelsbilder herstellen würde, und in diesem Zusammenhang auch der schwere Verdacht aufkam, dass Michel de Nostredame vielleicht sogar ein Ungläubiger (Lutheraner) sein könnte, bekam er als Nostradamus eine Vorladung zur Inquisition. In der Folgezeit schrieb er rätselhafte und düstere Prophezeiungen in metamorphischer Sprache. Vieles des - Nostradamus - bleibt allerdings bis heut noch unübermittelt und mystisch.
Genauso mystisch beginnt mit dem Instrumentalen - Dawn of Creation - auch das Album. Ein spannendes orchestral gestaltetes Intro, das sich mit düsteren Drumelementen unglaublich dramatisch entwickelt, zieht den Hörer sofort in die Geschichte unseres Helden hinein. Danach folgt die Geschichte des Nostradamus in einerseits gewohnter "Judas-Priest-Manier", andererseits aber in völlig neuem Musikgewand. Die einzelnen Stationen unseres Hauptakteurs werden mit wunderschönen kurzen Intermezzos verbunden, bei denen vor allem Rob Halfords Stimme unglaublich großartig zur Geltung kommt. Zwar hat die Stimme des "Metalgotts" mit fast sechzig Jahren schon etwas an Höhe verloren, aber sie kommt kristallklar und intensiv zur Geltung. Die Songs sind nicht nur eine gute Mischung aus klassischem Heavy Metal und Progmetal, sondern auch die kommerzielle Achtziger-Phase blitzt in Titeln wie - Exile und Alone - auf.
Für mich ist - Nostradamus - mit ganz großem Abstand das beste Judas-Priest-Album, weil hier über neunzig Minuten hinweg nicht nur ein Song auf den anderen folgt, sondern weil auf diesem Album eine ganze Geschichte erzählt wird, bei der sich die Musiker im Vorfeld sehr viel Mühe machen mussten, sich den historischen Hintergrund zu erarbeiten, und in ein musikalisches Konzept zu bringen. Das ist eine der größten Herausforderungen im Musikbereich, und das gebührt auch meinen vollen Respekt und meine volle Anerkennung.