In Hans-Jürgen Ewalds "Nostradamus und die Johannes Offenbarung" wird nun endlich (wieder) einmal die (fast) volle Wahrheit aus den Versen des großen provenzialischen Salbenmischers aus dem 16. Jahrhundert bloßgelegt. Wer sich also die Überraschung nicht verderben und den Lauf der Weltgeschichte lieber wie bisher einfach auf sich zukommen lassen will, dem sei vorhab schon dringend von der Lektüre dieser drei Bände abgeraten. Alle anderen müssen selbst wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Ich will dabei mal ein bisschen hilfreich sein:
Der Autor, der an anderen Stellen schon mehrfach den Weltuntergang vorausgesagt hat, geht "mit Intuition und Vertrauen auf Gott" an die selbst gestellte Lebensaufgabe heran, weniger allerdings mit der annoncierten "wissenschaftlichen Exaktheit". Dafür beweist er erstaunlich viel Phantasie und zeigt in Perfektion, dass fast jede Tatsache so weit gebogen werden kann, bis sie in einen gewünschten Kontext passt. Nostradamus hätte wahrscheinlich seinen Spaß gehabt an diesem weiteren missglückten Versuch, seine kryptischen Prophezeihungen überzeugend zu entschlüsseln.
Beispiele gefällig?
Der Autor deutet Mesopotamien, griechisch für "zwischen zwei Flüssen", nicht etwa als das Land zwischen Tigris und Euphrat (das wäre wahrscheinlich viel zu naheliegend), sondern als Nazi-Deutschland. Begründung: Es hieße ja schließlich in der 2. Strophe des Deutschlandliedes: "Von der Maas bis an die Memel . . ."! Na, dann muss es ja stimmen!
Eine andere Zeile wurde, laut Ewald, von vielen bisherigen Nostradamus-Deutern (die im Gegensatz zu ihm selbst nie eine Präkognition oder das göttliche Leuchten erlebt hätten) als Hinweis auf einen Krieg "zwischen christlichen Soldaten und irgendwelchen Islamisten" interpretiert. Das könne aber "nur Zukunft sein, denn schließlich habe so etwas bisher nicht stattgefunden". - Hmm, da habe ich wohl in den letzten Jahrzehnten einiges an Weltgeschichte verschlafen.
Ansonsten wird alles mehr oder weniger Historische von 1557 bis heute abgearbeitet und konsequent in das Korsett der Wahrheit gepresst; was nicht passt wird reingeprügelt oder großzügig zurechtgestutzt. Wir wissen jetzt auf jeden Fall (und der alte Fuchs aus Saint-Rémy hat's schon immer gewusst!), dass während der Französischen Revolution der Preis für Kerzenwachs verfiel und im Jahr 2000 (nach Christus!) ein Trümmerstück des durch ein Schwarzes Loch zerstörten Planeten Merkur die Erde in Schutt und Asche legte (Ehrlich, das hatte ich vorher nicht gewusst). Was uns bis ins Jahr 3797 sonst noch so erwartet, will ich hier an dieser Stelle nicht ausplaudern. Machen Sie sich auf jeden Fall auf was gefasst!
Dort, wo ihm nichts eingefallen zu sein scheint, paraphrasiert der Autor geduldig, dass es sich ohne Zusammenhang nicht eindeutig klären lässt. Das halte ich übrigens für einen subtilen (und grimmigen?) Vorwurf an den ollen Nostradamus: Der hätte ja auch ruhig mal hier und da den Zusammenhang etwas deutlicher machen können.
Schade ist allerdings, dass Ewald vor lauter wissenschaftlicher Exaktheit dem interessierten Leser jedwede Quellenangabe mit nahezu guttenbergscher Konsequenz vorenthält. Aber Schwamm drüber! Einem Mann, der dank göttlicher Erleuchtung zum Sehenden wurde, kann man auch ohne diesen formalen Firlefanz das Vertrauen schenken.
Den einen und einzigen Stern gibt es nicht wegen all der hanebüchenen Pseudotheorien, die der Autor hier intuitiv und wahrheitsgläubig zusammenreimt (die haben ja durchaus einen gewissen Unterhaltungswert), sondern für die Anmaßung, es handele sich hierbei um eine wissenschaftliche Arbeit.
Wer sich jedoch an den vielen Druck- und Rechtschreibfehlern nicht stört und dieses "Standardwerk der Nostradamus-Literaturforschung" (Zitat Klappentext) nicht allzu ernst nimmt, der wird bei der Lektüre bisweilen durchaus vergnüglich schmunzeln. Der Autor selbst kann allerdings nicht mehr dazu Stellung nehmen, ob sein "Lebenswerk" eventuell doch eher satirisch gemeint war; wie uns das Vorwort des Verlags berichtet, befindet er sich "seit Ende 2006 in einer anderen Bewusstseinsebene" (soll wohl heißen, er ist verstorben). Damit blieb ihm immerhin erspart, den von ihm selbst präkognitiv angekündigten 3. Weltkrieg, der im Jahr 2008 stattfand (Nostradamus wusste natürlich bescheid), erleben zu müssen. Hoppla - da ist mir jetzt schon wieder etwas entgangen .