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Nostalgia
 
 

Nostalgia (Gebundene Ausgabe)

von Mircea Cartarescu (Autor), Gerhardt Csejka (Übersetzer)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 415 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp; Auflage: 1 (4. März 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518420747
  • ISBN-13: 978-3518420744
  • Originaltitel: Nostalgia, 1993
  • Größe und/oder Gewicht: 20,4 x 13 x 3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 90.634 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Mystiker des Wohnblocks

Mircea Cartarescus Erzählzyklus «Nostalgia»

In der Phantasie ist alles möglich, man muss ihr nur freien Lauf lassen. Zum Beispiel: Novalis und Cortázar begeben sich nach Bukarest, vermutend, dass dort ein echter Vampir zu treffen sei; statt dessen stossen sie auf einen Riesen, der Borges plagiiert und das Aleph in einem Schuppen versteckt. Kafka aber krabbelt als Spinne im Bücherregal herum, und auch Rilke und Poe und E. T. A. Hoffmann kommen irgendwann vorbei. Derweil sitzt der Vampir, der ihnen allen eine Falle stellen wollte, in besagtem Schuppen und schreibt auf seiner «Erika»-Schreibmaschine alles genau mit, um es nachher unter dem Pseudonym Mircea Cartarescu zu veröffentlichen.

Auf diese Weise könnte man sich die Entstehung eines Buches namens «Nostalgia» einigermassen plausibel erklären. Aber es ist wahrscheinlich auf die ganz normale Art entstanden: dass sich eben einer für die schwarze Romantik und Borges' Labyrinthereien und vielleicht auch Cortázars Rayuelas begeistert; dass er sich an seine Schreibmaschine gesetzt und aus seinen eigenen Phobien und Obsessionen phantastische Geschichten mit Liebe und Ekel, Sehnsucht und Tod, Spinnen und Monstern hergestellt hat.

«Nostalgia» ist ein Erzählzyklus des hierzulande bisher unbekannten rumänischen Autors Mircea Cartarescu. Vielleicht ist es auch kein Zyklus, sondern einfach ein Erzählband, der sich dank der irgendwie logischen Anordnung – am Anfang schreibt ein Sterbender, am Schluss ein offenbar Überlebender der Apokalypse – durchaus zyklisch lesen lässt: vom Ende zum Anfang und wieder zum Ende, das wieder einen Anfang in sich trägt.

Das Kernstück des Buches aber sind Erinnerungen, exaltierte, mystisch überhörte und traumhafte Erinnerungen, getaucht ins zitternde Licht der Nostalgie. Die drei Erzählungen aus dem Mittelteil des Buches (eingerahmt von einem Prolog und einem Epilog) drehen sich um Kindheit, kindliche oder pubertäre Liebe, geschlechtliche Neugier; und alle sind Huldigungen an die schreckliche Schönheit und herrlichen Schrecken jugendlicher Phantasie. Kinder denken magisch. Was aber kann magisch gewesen sein an einer Kindheit im sozialistischen Plattenbau der sechziger Jahre? Man kann sich die Entstehung von «Nostalgia» auch so erklären: dass einer in den zementenen Ritzen einer verbauten Wohnanlage nach Geheimnissen sucht. Mircea Cartarescu ist der Mystiker der Wohnblocks.

Eines der Geheimnisse, die er offenbart, ist das der Menschwerdung der Literatur: ein Mysterium, das kurz und schlicht REM heisst. REM ist der Brennpunkt, in dem alles seinen Anfang nimmt, indem Zeit und Raum und Grenzen und Realität sich in einem Punkt treffen und damit ihre Wirksamkeit einbüssen. REM ist die nostalgische Variante des Borgesschen Aleph; REM befindet sich am Ende einer Serie von Träumen, die von einer kindlichen Jungfrau am Stadtrand von Bukarest unter Anleitung eines spinnenhaften Riesen geträumt werden. REM ist eine Kammer in einem Schuppen, in der ein Schreibtisch steht, an dem ein Mann sitzt, der eine Geschichte schreibt, die von einem Mädchen handelt, das systematische Träume träumt. Der Mann an der Schreibmaschine sieht haargenau aus wie Mircea Cartarescu. REM ist der Teil eines Namens auf einem abgerissenen Kunstplakat. So begegnet ein Geschöpf seinem Schöpfer.

Da Cartarescu zwar ein Mystiker ist, aber dabei trotzdem ordentlicher Realist, liest sich diese hochbedeutsame Begebenheit ganz und gar nicht weihevoll, sondern ziemlich erdnah mit Staub und Gerüchen und Müll; und so farbig wie eine schrill kolorierte Postkarte. So, wie einem billiges Spielzeug erscheint, das man als Erwachsener in einer verstaubten Bodenkammer findet. «Erinnerung der Erinnerungen, ist das REM vielleicht die ‹Nostalgie.› Und für diese gibt es eine saubere, des Romantikers würdige Definition: «ein Gefühl, ein banges Herzstocken angesichts des Ruins aller Dinge, angesichts dessen, was war und nie wieder sein wird».

Eine Schmuddelecke zwischen Industrieanlage und Aufgang 1 «wird einem Haufen Rotznasen zum Berg der Verkündigung: «Im tiefen Schatten der Abenddämmerung konnten wir kaum noch den Glanz in unseren Augen sehen. Über die Mühle war der Himmel indigofarben, weit in der Ferne schimmerte ein roter Stern. Es war der Stern auf dem Scinteia-Haus.» Bei solcher Beleuchtung, der unabdingbaren Voraussetzung für romantische Szenarien, bekommt der Wohnblock endlich die magische Aura; und so ergeht die «Offenbarung, eingehüllt in den strengen Duft der Fiktion», an einem Bukarester Sommerabend aus dem Mund eines Siebenjährigen: «Es gibt vier Arten von Menschen: die Ungeborenen, die Lebenden, die Gestorbenen und jene, die weder geboren noch am Leben, noch auch gestorben sind. Das sind die Sterne.» Es sind, könnte man mit dem Wissen des erwachsenen und erfahrenen Lesers hinzufügen, Hirngespinste, Geister, Götter, Monster – kurz: literarische Wesen.

Cartarescus Figuren haben dieses überirdische Format. Auch wenn sie in noch so miesen Wohnungen leben und noch so sehr vom Unglück heimgesucht sind, besitzen sie so etwas wie dämonische Grösse. Der schreibende Mystiker, der Demiurg in seinem REM liebt kein Mittelmass. Überhaupt kein Mass, eigentlich. In der letzten Erzählung («Epilog») sprengt der erfinderische Geist eines Architekten alle, aber auch alle Grenzen; was in einem vor dem Wohnblock geparkten Kleinkraftwagen beginnt, endet unter Sphärenklängen mit dem Untergang unserer Galaxie und der Geburt einer neuen. Welcher die Galaxien überschauende Erzähler in gemächlichem Imperfekt von diesem Ereignis berichtet, wird nicht gesagt. Es liegt nahe, dass es sich um den Kerl im Lagerschuppen handelt.

Im übrigen aber ist, laut Cartarescu, ein Erzähler ein spinnenartiges Wesen, das auf Bücherregalen sitzt und ahnungslosen Menschen ihre innersten Geschichten aussaugt. Und auch der Schriftsteller selber ist vor ihm nicht sicher.

Katharina Döbler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Nostalgia, das geniale Prosadebüt von Mircea Cartarescu, erzählt von Kindheit und Jugend im Bukarest der sechziger und siebziger Jahre. Im Licht der Erinnerung, die aus den Empfindungen aller Sinne aufersteht, gewinnen die Schauplätze eine überwältigende Präsenz. Da ist das zerklüftete, morastige Gelände hinter dem Wohnblock am Stefan-cel-Mare Boulevard, wo der geheimnisvolle Knabe Mendebilus eine ganze Kinderbande mit somnambuler Akrobatik und tiefsinnigen Geschichten in Bann schlägt. Oder der glitschige unterirdische Tunnel, durch den Gina und Andrei ins Naturhistorische Museum geraten, wo sie ihre erste Liebesnacht erleben. Schließlich der bizarre, melancholische Turm am Stadtrand und seine riesenhaften Bewohner. Zu Recht hat der Spiegel Mircea Cartarescu einen "Proust des Plattenbaus" genannt. Die unerhörte Intensität, mit der er die Dinge und Geschöpfe der äußeren Welt schildert, gibt ihnen die magische, mystische Aura zurück. Meisterhaft versteht er es, die aus dem Traum, dem Wahnsinn und der poetischen Ekstase geborenen Bilder auf die Bühne unserer vermeintlich festgefügten Wirklichkeit zu schieben.

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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Kindheitserinnerungen: Visionen, Erinnertes und Gefürchetes, 8. Juni 2009
Mit einem düster  dräuenden Eingangskapitel beginnt Mircea Cartarescu ein Buch, in dem er frühe Kindheitserlebnisse verarbeitet.

Ein Roulettspieler bringt sich zu Tode, indem er die geladene Pistole mit zuerst einer bis zuletzt sechs Patronen füllt, womit er seinen eigenen Tod besiegelt.
Der Mann ist ein Freund aus früheren Tagen, und der Autor erweckt ihn mit seinen Impressionen zum Leben,--einem dem Untergang geweihten Leben. Der Erzähler fragt sich am Ende, warum diese Erinnerung überdauert hat in seinem Dasein eines gelangweilten Lehrers, der nur lebte, weil er nun einmal geboren war. Der nihilistische und fast traumatische Beginn der Erzählung macht den Einstieg nicht ganz leicht.

Sie geht dann jedoch über in eine Kindheit, die Cartarescu in einer Plattenbausiedlung in Bukarest zu Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre erlebte. Hier tummelten sich zahlreiche Spielkameraden aller Altersjahrgänge. Sie kennen sich aus mit der Katzen- und Vogeljagd und treiben Schabernack mit Furcht erregenden Abenteuern. Hinter dem Haus der sumpfige Morast, vor dem Haus die Strasse mit ihren Ecken und Häuserwinkeln; Mendelibus, der wundersame Außenseiter, der mit seinen fantasievollen Geschichten zu fesseln versteht, und dann noch die erste Liebesnacht zwischen Galina und Andrei, die abenteuerlich unter irrwitzigen und gruseligen Umständen stattfindet! Diese Liebe, die nie richtig beginnen oder enden soll......Alles zusammen bietet Einblicke in die ersten Jahre einer verschollenen Kindheit und Jugend.

Die erinnerten Episoden werden in meisterlichen und prächtigen Farben geschildert. Es ist der neugierige Blick und die ängstlich - unheimliche Zeit der frühen Kinderjahre, die uns mit ihren Eindrücken gefangen nimmt.
Der Zauber der differenzierten Sprache, die bizarr, komisch und gelegentlich makaber ist, scheint erfüllt vom Spaß an der Vielfalt. Die Reflexionen über Cartarescus Kindheit, Erinnertes, Erdachtes und Gefürchtetes blühen auf und übernehmen den größeren Part in seinem Buch.
Hinreißende Details aus den Kindertagen gemahnen an Prousts Kindheit, und Carturescu wird zu Recht in einem Zeitungsmagazin der Proust des Plattenbaus genannt. Es gibt Gerüche, Erfahrungen und Abenteuer, die den Glanz der Unschuld verraten und später die Neugierde und den Forscherdrang, die kindliche Unschuld aufzugeben.

Kindheit und Pubertät bieten vielfältige Impressionen, mit denen sich ein verlorenes Paradies beschreiben lässt, das erst aus der Rückschau als solches erkannt wird. Die Zeit der Adoleszenz gleitet schließlich ab in fast surreale Bilder, die nicht immer ganz leicht zu verstehen sind. Explosiv und von wilden Bildern überlagert, findet man sich in Fantasiewelten wieder, in die man nicht folgen kann.
Der Roman besteht aus vier Teilen, von denen der über die Kindheit mir als der gelungenste erscheint.

Nach anfänglichem Zögern war ich zuletzt vom Reiz der Sprache und Fantasie, mit der die Erzählung aufwartet, sehr angetan. Der Autor hat wahrlich ein großes Erzähltalent, dessen Prosa zum Nachdenken und Mitfühlen anregt.
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Triumph der Phantasie, 29. Dezember 2001
Diese Rezension stammt von: Nostalgia (Gebundene Ausgabe)
Was Literatur ist beziehungsweise nicht ist, klärt Cartarescu schon auf der ersten Seite eindeutig: „Literatur ist das falsche Mittel, um etwas auch nur halbwegs Wirkliches über sich selbst mitzuteilen. Gleich bei den ersten Sätzen, die du niederschreibst, fährt in deine den Füllhalter führenden Finger wie in einen Handschuh eine fremde Klaue und treibt Hohn und Spott mit dir; dein Bild im Spiegel der Seite schießt wie Quecksilber in alle Richtungen auseinander, und die verzerrenden Kügelchen fügen sich zu einer Spinne, einem Wurm, zum Zwitter, Einhorn oder zu Gott - wo es doch nur um dich selbst gehen sollte. Literatur und die Lehre von den Mißbildungen der Lebewesen sind ein und dasselbe." (S. 7)
An einer anderen Stelle steht dann die absolute Relativierung des zwischendurch immer wieder angedeuteten kooperativen Schöpfungsprinzips: „Soll sich jeder vorstellen, was er will. Finde jeder für diesen spiegelverhüllenden Text, diese Textur, Textilie, diese Plane, die nur dann gelungen ist, wenn man nicht hindurchsehen kann, die Begründungen, die Deutungen, die ihm passen. Ich möchte nicht ewig daran weben und nicht nachts aufdröseln, was ich tagsüber gearbeitet habe. Im Gegenteil, ich bin jetzt schon dabei, die Dinge weiterzutreiben, einzudringen in die Höhle des Drachen oder in die Höhle von Kafkas Ungeziefer oder von Rilkes schrecklichem Engel...". (S. 200). Stichwort „Rilke" und zur Erinnerung: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel/ Ordnung? und gesetzt selbst, es nähme/ einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren/ Dasein. Denn das Schöne ist nichts/ als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen,/ und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,/ uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich./ und so verhalt ich mich und verschlucke den Lockruf/ dunkelen Schluchzens" (Die Erste Duineser Elegie).
Literatur teilt nichts über den Schriftsteller mit; sie ist „eine fremde Klaue", eine malefische Kraft, die allmächtig alle Fäden einer Inszenierung zieht, an der der Leser aktiv gar nicht beteiligt ist. Oder doch? „Soll sich (doch) jeder vorstellen, was er will." Also doch! Wir stellen uns, das vor, was wir wollen und wirken doch bei der Entstehung der Geschichte mit, indem wir ihre Rezeption bestimmen. Und der Schriftsteller? Während wir unseren kreativen Teil an der Schöpfung absolvieren, drängt er schon in die Höhle des Drachen; erforscht also schon das Ungewöhnliche und Abnorme, das Schreckliche (oder das Ende des Schönen), an dem wir vergehen würden.
Das Prinzip der Prosa, die sich jeglicher Gattungszuordnung entzieht, kannte man im deutschsprachigen Literaturraum spätestens seit Hildesheimer; der Roman (der keiner mehr ist, weil er als solcher nicht mehr so sein kann, wie er einmal war, und auch nicht mehr weiterentwickelt werden kann) zerfällt in disparate, in sich geschlossene Teile, die sich wiederum zu einem lockeren Gesamtbild innerhalb eines Rahmens zusammenfügen. Oder um mit Cartarescu zu sprechen: „...(das) Bild im Spiegel ... schießt wie Quecksilber in alle Richtungen auseinander, und die verzerrenden Kügelchen fügen sich zu einer Spinne, einem Wurm, zum Zwitter, Einhorn oder zu Gott...". Letztendlich bleibt die Alternative einer Zusammenfügung der Teile offen; der Roulettespieler der ersten Geschichte könnte schließlich ein erwachsener Mendebilus aus der zweiten Geschichte sein, oder der adoleszente Valli aus der dritten Geschichte. Warum auch nicht? „Soll sich jeder vorstellen, was er will." Im Gegensatz zu Hildesheimers Prosa die bis zum kleinsten Strukturelement streng kontrapunktisch durchkomponiert ist wie ein Musikwerk von Bach, wuchert die Prosa Cartarescus wie ein barockes Gemälde, das vom Auge des Betrachters in seiner reichen Vielfalt fast gar nicht mehr erfaßt werden kann.
Diese Ambiguität, die sich über Gattungs- und Zuordnungsfragen bis hin zur Rezeption einzelner Bilder zieht, macht den besonderen Wert der Prosa Cartarescus aus. Der Schriftsteller bietet immer wieder vielfache Möglichkeiten, öffnet alternative Perspektiven, gestaltet schillernde Bilder und bleibt dabei seinem Prinzip treu: „Soll sich jeder vorstellen, was er will."
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