Ganz was Feines gibt es jetzt zu besprechen. Wir sprechen hier über ein Album von dem wohl die meisten Rockfans gar nicht wissen, dass es je existierte: Über das zweite von David Coverdale's Soloalben, nach dem Split von Deep Purple Mitte der Siebziger und noch bevor Coverdale schließlich Whitesnake gründete. Aufgrund des hohen Aufklärungsbedarfs erst einmal etwas "Geschichtsunterricht":
Nach dem sensationellen Ausstieg von Ian Gillan und Roger Glover waren Deep Purple nur noch zu dritt, und es stellte sich die Frage, wer den künftig den wichtigen Gesangs- und Bassistenposten besetzen sollte. Die Wahl fiel (zur Überraschung der Fachwelt) auf einen den Ex - Trapeze - Bassisten und -Sänger Glenn Hughes und als Deep Purple - Frontmann wurde (noch viel überraschender) der bis dahin völlig unbekannte David Coverdale ausgewählt. Man produzierte zwei gute bis sehr gute Alben ("Burn" und "Stormbringer"), dann stieg Gitarrist und Gründungsmitglied Ritchie Blackmore aus um zusammen mit Ronnie James Dio seine Band Rainbow zu gründen. Man holte für das nur noch durchschnittliche Album "Come Taste The Band" den Gitarristen Tommy Bolin an Bord, der sich unglücklicherweise nach der folgenden Tournee seinem Leben mit einer Überdosis Heroin selbst ein Ende setzte. Deep Purple lösten sich auf, Ian Paice und Jon Lord gründeten die kurzlebigen PAL (= Paice / Ashton / Lord), Glenn Hughes wandelte fortan auf Solopfaden und David Coverdale tat es ihm zunächst gleich. In kürzester Zeit wurden zwei Soloalben aus dem Boden gestampft. Beide Alben erschienen 1977: Das erste Album "White Snake" war ein gutklassiges Werk, welches jedoch noch nicht wirklich überzeugen konnte. Ganz anders wirkte das wenige Monate später veröffentlichte "Northwinds" über das es hier zu reden gilt:
Kurioserweise von Ex-Deep Purple-Bassist Roger Glover produziert, war "Northwinds" das letzte Album, welches auf dem Deep Purple - eigenen Label "purple records" erschien. Da die Band ja nicht mehr existierte, wurde auch das Label bald aufgegeben. Eine weitere Kuriosität: Bei dem Song "Give Me Kindness" sind im Background - Chor die Ehefrauen von Deep Purple-Keyboarder Jon Lord und von Rainbow - Sänger Ronnie James Dio zu hören. Dieser hat sich selbst auch nicht lumpen lassen, so dass dieser kaum hörbare Gastauftritt von Ronnie James Dio "Northwinds" auch zu einem Sammelobjekt für Dio - Fans macht.
Kommen wir zum Wichtigsten: Zur Musik. Hier fällt auf, dass immer wieder Kritiker betonen, dass "Northwinds" das beste Album überhaupt sei, an dem David Coverdale je beteiligt gewesen sei. Zweifellos ist diese Meinung (die überhaupt nicht selten vertreten wird) ein wenig übertrieben, denn das hieße ja, dass "Northwinds" so hervorragende Alben wie Deep Purple's "Stormbringer" oder die Whitesnake - Klassiker "Come An' Get It" oder "1987" in den Schatten stellen würde. Dies geschieht jedoch eindeutig nicht. Nichtsdestotrotz muss auch ich klar und deutlich sagen, dass sich "Northwinds" mit einem guten Platz unter den besten Alben mit Beteiligung David Coverdales zufrieden geben kann. In der Tat ist "Northwinds" besser als das Meiste was der Sänger mit der rauchigen Stimme später unter dem Whitesnake - Banner veröffentlicht hat. Songs wie "Keep On Giving Me Love", "Northwinds" oder "Say You Love Me" besitzen das, was vielen Whitesnake - Songs fehlt: Kompositorische Substanz! Insgesamt wirkt "Northwinds" etwas ruhiger und vielleicht etwas weniger bluesig als das nachfolgende Whitesnake - Material.
Als Gitarrist auf dieser Scheibe ist schon der famose Mickey Moody zu hören, der ja kurz darauf mit Mel Galley auch bei Whitesnake die Gitarre schwang, bevor er dann noch ein wenig später zusammen mit Bernie Marsden das klassische Whitesnake - Gitarrenduo bildete, welches viele Jahre lang einen Klassiker nach dem anderen aus dem Ärmel schütteln sollte.
Fassen wir also zusammen: Das Album ist mit durchweg ganz hervorragendem Songmaterial ausgestattet, es ist sowohl für Deep Purple-, für Whitesnake- als auch für Dio- Fans interessant. Warum zum Teufel konnte das Ding nur so dermaßen in der Versenkung verschwinden? Ich denke, diese persönliche Einschätzung sei mir gegönnt, es lag an den widrigen Zeitumständen. 1977 erschienen die Coverdale - Soloalben und noch während "Northwinds" veröffentlicht wurde (in Deutschland seinerzeit über "Polydor"), war David Coverdale schon mit Whitesnake auf Tour. Das heißt im Klartext: Es ging alles so schnell, dass die Fans im Prinzip gar keine Zeit hatten David Coverdale als Solokünstler zu begreifen. Die Soloalben wurden vielfach übersehen, zumal ja Whitesnake auch sehr erfolgreich wurden, so dass der Ruhm von Deep Purple und Whitesnake dieses Kleinod der Rockmusik und seinen "kleinen Bruder" (das erste Soloalbum) sozusagen in der Mitte zerquetschte.
Die Songs von "Northwinds" werden dadurch aber nicht schlechter. Im Gegenteil: Fans die schon alles von Whitesnake haben, sollten sich "Northwinds" dringend zulegen. Ich denke, sie werden überrascht sein, wie gut dieses Album ist.