Willy Vlautins Roman "Northline" gehört in die Kategorie der Romane, die lange im Kopf weiterspuken, deren Stimmungen lange nachhallen.
Vlautin schreibt einfach, seine Kunst ist die absolute Reduktion.
"Northline" wird so auch aufs Minimum reduziert erzählt. Vlautins Prosa konzentriert sich konsequent darauf, die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll.
Die in Las Vegas lebende Protagonistin hat ein eher schweres Alkoholproblem und einen Freund, der sie im Vollrausch zum Sex zwingt; schon früh im Roman gibt es eine Szene auf der Behindertentoilette eines Casinos, in der die Protagonistin während des erzwungenen Beischlafs im Vollrausch ausrutscht und sich dabei blutig schlägt. Als Sie am nächsten Tag aufwacht, muss sie sich seine Vorwürfe anhören und wird von ihm an Bett gefesselt hinterlassen, während er seiner Arbeit nachgeht. Die wenigen Familienmitglieder der Protagonistin haben auch kein besseres Leben, Alkohol und Tristesse bestimmen den Tagesablauf. Die Schwester zeiht mit ihrem Freund irgendwo nach Mexico, die Mutter verbringt die meiste Zeit vor dem Fernseher und wechselt von Zeit zu Zeit die Freunde und damit ihre Adresse. Immer wieder auftretende Panikattacken bringen die Protagonistin leicht von den zaghaften Versuchen, dieses Leben hinter sich zu lassen, ab. Als sie erfährt, dass sie schwanger ist, schafft sie es und flieht nach Reno. Beeindruckend der Kunstgriff, erst hier die bisher als das Mädchen" bezeichnete Protagonistin aus dem Reich der relativen Anonymität zu holen und sie mit einem Namen auszustatten. Dadurch wird die Trennwand zwischen dem ehemaligen Leben und der neuen Chance noch stärker.
In Reno trägt sie ihr Kind für eine Agentur aus, verdient so Geld, dass sie anspart. Nach der Geburt entschließt sie sich, in Reno zu bleiben. Sie kellnert weiter, und beginnt langsam wieder in den Trott der Alkoholexzesse und Panikattacken zu gleiten.
Paul Newman ist es, der ihr immer wieder in ihrer Einbildung erscheint und sie ermutigt, der versucht, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Paul Newman als Symbol für die innere Stärke, die sich als eigenes Ich nicht auftreten traut. Immer wieder gibt es eingeschobene Tableaus mit Paul Newman, der Allison gut zuspricht, der sie in ihrer Entscheidung, Jimmy zu verlassen bestärkt, der sie hinsichtlich des Wohlbefindens ihres Sohnes beruhigt; das funktioniert dank Willy Vlautins scheinbarer Abneigung gegen schwülstige Stimmungen und Kitsch sehr gut. Quasi surreale Traum-, bzw. Wunschbilder als leuchtende Fenster aus dieser trostlosen Welt.
Dass die aufgezogene Trennwand zum vorigen Leben porös und unsicher ist, merkt Allison, als ihr ihre Mutter einen Brief von Exfreund Jimmy weiterleitet, der sich scheinbar nicht mit dem Verlassensein abfinden will.
Der Schmerz über den abgegebenen Sohn, die Sorge nach seinem Wohlbefinden, die Frage nach Schuld; das sind die Begleitfaktoren ihres Lebens, das zwar auf dem bestmöglichen Weg, aber immer noch in unbeständigen Linien fährt. Sie nimmt einen zusätzlichen Job in einem Call-Center, während sie weiter die Nachtschicht im Diner betreut.
Hier lässt Willy Vlautin Allison auf einen jungen Mann treffen, der jeden Tag, knapp vor Ende ihrer Nachtschicht, zum Frühstück erscheint. Bald ist klar, dass beide vom Schicksal gebeutelt sind und nur bedingt mit ihren Ängsten und Problemen umgehen können. Langsam, bedächtig und auf ganz wundervolle Art und Weise kommen sich die beiden näher, und werden durch den behutsamen und respektvollen Umgang miteinander auch stärker.
"Northline" ist ein schonungslos genauer Roman, der sich den Menschen der unteren Schicht der weißen Amerikaner ("white trash") widmet, die chancenlos, alkohol- und drogenabhängig sind, für die es keine College-Parties gibt, keine Ray Ban Sonnenbrillen, kein New York, für die eine schmuddelige Wohnung ohne gewalttätigen Freund in einem dreckigen Mietkomplex mit fleckigen Teppichen und miefiger Einrichtung schon Luxus ist; ist ein wirklich beeindruckendes Buch. Der Autor spricht auch die ungern angesprochenen sozialen Probleme dieser Schicht an, soziale Probleme, die den latent vorhandenen Rassismus immer wieder ausbrechen lässt. Auch wenn Vlautins Protagonisten einiges durchstehen müssen und keiner schuldlos ist, spürt man immer eine ganz starke Empathie des Autors für seine Figuren. Durch seine reduzierte Prosa werden wunderbare triste Stimmungsbilder wachgerufen, ein anderes Amerika, eine Welt hinter der Fassade des mit "Amerika" assoziierten Way-of-Life.