J'accuse!
Was man nicht alles so hört, wenn der Tag lang ist. Man trifft auf manchen, gerade zu weisen Menschen und dann auch wieder solche, bei denen man sich nur noch fragen kann wie weit man wandern muss, um am Gegenpol der Weisheit, um diesen zu besichtigen, endlich anzugelangen.
Davon könnte in Kristofer Åströms "How can you live with yourself" die Rede sein. Die darin enthaltene Feststellung "You speak of things that I do, on which you don't have clue,wish I could tell it to you, how much I dislike you, how much I hate what you do, how much I really hate you..." läßt sich auf so viele Zeitgenossen anwenden. Nicht nur auf solche, die sich vorschnell anmaßen Menschen "echte Gefühle" abzusprechen!
Sicher erfindet Kristofer Åström das Genre, in dem sich Northern Blues bewegt nicht neu. Eine solche Großtat ist jedoch seit den Beatles in Sachen Popmusik eh nicht mehr möglich. Unbestreitbar bleibt jedoch, das Northern Blues ein großes Album ist. Der schüchterne Schwede lehnt sich mit der Üppigkeit der Arrangements verhältnismäßig weit aus dem Fenster. Die schier überbordende Fülle der Nebenmelodien des Openers "All lovers hell" kann in ihrer Rauschhaftigkeit jeden noch so verkorksten Tag retten. Und die Eifersucht auf die Vergangenheit des/der Geliebten ist wohl nie so eingängig besungen worden. Ein jeder, der diesem Song "echte Gefühle" abspricht, weiß tendenziell eher selbst nicht, was denn solche tatsächlich sind.
Das Album scheint als eine Art Decrescendo aufgebaut zu sein und wird zum Ende hin immer fragmentarischer und dabei ruhiger. Melodien werden angedeutet, jedoch nie länger ausgeführt als nötig. Damit entgehen sie der anderswo allgegenwärtigen, auf stupide Ohrwürmer trachtenden, Penetranz. Ganz nebenbei offenbaren sie so ihre herbe ungekünstelte Schönheit.
Der Höhepunkt des Albums ist zweifelsohne der wunderbar jazzig angehauchte Song "You don't know how good you are". Das Gefühl der Abhängigkeit von geliebten Menschen und der unendlichen Wertschätzung des/der Geliebten findet in jedem Ton der E-Gitarre (wunderbar typisch gespielt vom großartigen Jari Haapalainen) seine adäquate Umsetzung auf der Ebene der musikalischen Zeichen. Sicher ist auch, dass die hier illustrierten Gefühle als "echt" zu zertifizieren sind. Es ist auch der längste Track des Albums, der in bittersüßen Tönen, nur zerrissen von wenigen krassen Akkorden, scheinbar ziellos mäandert.
Erwähnens- und lobenswert ist jeder Song auf diesem Album. Ein solches Unterfangen wäre jedoch zu viel des Guten...
Abschließend möchte ich mich nur noch an jene Fraktion der eierstrotzenden und geistig depriviligierten Vorkämpfer der Kurzweile (Zitat: Das Album sei langweilig und verweichlicht sogar unmännlich) wenden: Was man nicht versteht, oder mangels Geistesgaben nicht verstehen kann, lässt man besser unkommentiert!