Britische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts hat es eher schwer in deutschen Konzertsälen. Schade. Denn auf der Insel gab es eine eigene, und wie ich finde hörenswerte Entwicklung, die sich mit bekannteren Namen wie Edward Elgar, Gustav Holst, Ralph Vaughan Williams bis hin zu Benjamin Britten und Michael Tippett verbindet, aber auch mit großartiger Musik von bei uns oft vollkommen unbekannter Komponisten und Komponistinnen wie Hubert Parry, Arthur Sullivan oder Ethel Smyth und vielen anderen.
Von daher genieße ich es, dass in der hochwertigen Stuttgarter Musikszene ein Sir Roger Norrington, Chefdirigent des Stuttgarter Radiosinfonieorchesters des SWR, als Botschafter der Musik seiner Heimatinsel auftritt. Diese CD ist ein Beleg dafür, mit einem der bekannteren britischen Werke, das es immerhin ab und zu ins Repertoire hiesiger Orchester schafft.
Aber so wie die Planeten hier musiziert werden, das ist schon mehr als werbewirksam.
Mit Verve und mit Nerv für Spannung und Dramatik, mit Gespür und Sensibilität für meditative Ruhe und planetarische Weite. Und für typisch britische Ironie, die ich an der einen oder anderen Stelle durchblitzen höre.
Die spezielle Musizierweise des Stuttgarter Radiosinfonieorchesters, der so genannte Stuttgart-Sound, lässt die Planeten in brillanter Transparenz erklingen, Feinheiten werden hörbar, Effekte sehr präzise artikuliert, der Klangkörper wirkt ungeheuer elastisch.
Und so klingt der Mars in der Tat brutal, furchtbar lärmend und entsetzlich martialisch und die Venus im Gegensatz dazu in der Tiefe versöhnend, der Merkur wirklich atemlos beflügelt, bis er plötzlich - schwupp - wieder weg ist, und der Jupiter wirklich tänzerisch ausgelassen, lustig und nobel zugleich. Und am Ende verschwebt der Neptun mit den famosen Frauenstimmen des Stuttgarter Opernchors und des Vocalensembles Stuttgart so wunderbar mysteriös ins kosmische Schweigen.
All das ist nicht selbstverständlich, sondern zeichnet die musikalische Qualität dieser Aufnahme aus, wie langweiligere Einspielungen beweisen.
Neben den Planeten findet sich Edward Elgars Serenade for String Orchestra op. 20 auf der CD, ebenfalls sehr schön musiziert. Hier kommt der besondere Streicherklang des Stuttgart-Sound voll zur Geltung. Wer an Elgar Geschmack gefunden hat, kann mit der ebenfalls hervorragenden CD
Sinfonie 1 mit Sir Roger und seinem Stuttgarter Orchester weiter machen, bei der verständlich wird, dass das britische Premierenpublikum bei der Uraufführung der ersten Sinfonie ausgeflippt ist.
Das Booklet ist ausreichend instruktiv, die Werkeinführung wortwörtlich aus dem Buch
Elgar, Britten und Co. Eine Geschichte der britischen Musik in zwölf Portraits von Meinhard Saremba entnommen. Da dieses empfehlenswerte Buch gut ist, ist auch der Auszug gut.
P.S. Mir gefällt auch die Einspielung der Planeten durch den anderen Botschafter britischer Musikkultur in Deutschland, Sir Simon Rattle, mit den Berliner Symphonikern
The Planets/+. Die Zugabe dort ist erwähnenswert, nämlich zeitgenössische Kompositionen, die sich mit Holsts Planeten auseinandersetzen und sie fortführen. Ebenfalls exzellent.