Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Lohn der Inzucht, 23. Januar 2009
Vor fast 60 Jahren erschrieb sich der junge Norman Mailer mit seinem ersten Roman "Die Nackten und die Toten" einen sensationellen Erfolg und verdienten literarischen Ruhm. Der Roman gilt noch heute als eines der bedeutendsten Erzählwerke nicht nur über den Zweiten Weltkrieg, sondern über das Spannungsfeld zwischen fiktionaler Gestaltung und faktischer Dokumentation. 1997 beschrieb Mailer das Leben Jesu aus seiner Sicht in der ersten Person (The Gospel According to the Son), deshalb ist es vielleicht folgerichtig, dass er nun Adolf Hitlers Jugend aus der Sicht des Teufels beschreibt. In einem Interview in New York sagte Mailer, "Hitler entzieht sich jedem menschlichen Verständnis. Demjenigen, der nicht an den Teufel glauben will, sage ich nur: Hitler ist die schärfste Waffe im Kampf des Teufels gegen Gott und Jesus Christus."
Das Buch liefert Denkanstösse statt Erklärungen für Dinge, die nicht erklärbar sind. Im selben Interview sagte Mailer, "Hitler hat mein Leben und das meiner Mutter verändert, meines, seit ich neun Jahre alt war. Das Leben aller Juden in Amerika ist durch Hitler beeinflusst worden. Für die Juden in der ganzen Welt ist es unmöglich zu leben, ohne immer wieder daran zu denken, dass ein einziger Mann die Macht hatte, die Hälfte aller Juden zu vernichten."
"Das Schloss im Wald" ist kein historischer Roman im üblichen Sinn, Mailer begibt sich auch auch nicht auf das Glatteis, eine "historisch korrekte" Biographie über Hitler zu schreiben weil er weiss, dass an diesem Rätsel bislang auch die klügsten Köpf gescheitert sind. Kann Kunst die 'Banalität des Bösen' (ein Begriff, den Hannah Arendt prägte) erklären? Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: "Man kann und soll der Kunst nicht verbieten, sich damit zu beschäftigen, aber die Kunst wird niemals ein Verständnis für dieses Phänomen erreichen können, sie wird eher davon ablenken."
Norman Mailer schreibt weder ohne Verständnis noch ablenkend. Zehn Jahre lang hat er an diesem Stoff gearbeitet, unzählige Quellen studiert - und jetzt provoziert er mit detaillierten Darstellungen von Sex, Gewalt und Fäkalien. Hitler stellt er uns als das vermurkste, hosenmachende, sich selbst befriedigende Bürschchen vor, das er zweifellos war. Norman Mailer weiss, dass sein Buch auch auf Ablehnung stossen wird und kommentiert, "Menschen (...) werden es aggressiv und dumm finden. Sie werden fragen: Was soll das? Warum hat er es geschrieben? Was sie dabei aber nicht bedenken, ist die Frage: Wie kann man Hitler erklären, ohne die Idee des Teufels ins Spiel zu bringen? Niemand hat Hitler bisher erklären können!" (Auch Siegmund Freuds "Totem und Tabu" hilft hier nicht weiter.)
Der kleine Adolf des Romans entstammt einem Bauernclan aus dem niederösterreichischen Waldviertel, der durch Inzest und Bigamie untereinander verbunden ist. Vater Alois ein korrekter Beamter ist privat brutal und sexuell hyperaktiv und heiratet in dritter Ehe seine Tochter Klara - in Wirklichkeit war sie seine Nichte - und zeugt mit ihr den Sohn Adolf. Dieser ist also das Produkt mehrerer Generationen von Inzest, sein Großvater ist auch sein Vater - was keine neue Spekulation ist. Und dann kommt der Teufel ins Spiel, oder besser gesagt, dessen Stellvertreter - in Gestalt des Erzählers, eines SS-Offiziers. Dieser Beobachter mit seinem steifen und Viagra-artigen Prosa-Stil ist allgegenwärtig und beschreibt wie Hitler sozusagen stubenrein gemacht wird. "Als Teufel bin ich verpflichtet, mit Exkrementen in jeder Form zu leben, sowohl physisch wie mental."
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17 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Provokant?, 12. Oktober 2007
Ich wurde durch den Stern auf dieses Buch aufmerksam und nachdem ich soviele Kritiken, positiv wie negativ, gelesen habe musste ich zuschlagen. Kontrovers, gehasst und verdammt. Dieses Buch spaltet die Leser. Allein das war ein Grund zuzuschlagen, vor allem da das Thema interessant klang.
D.T.; ein Teufel; bekommt den Auftrag ein Kind zu überwachen: Adolf Hitler. Schnell wird D.T. klar das der Maestro (Der Teufel höchstselbst) einen großen Plan verfolgt, auch wenn er für D.T. nicht offensichtlich ist. Er begleitet die Familie Hitler durch Inzucht, Gewalt und alle Höhen sowie Tiefen. Und den Leser zieht er unaufhörlich in seinen Bann.....
Mehr zu verraten wäre Blasphemie an dem Buch. Man muss es gelesen haben. Der Schreibstil ist fesselnd, provokant und manchmal auch ein wenig unterhalb der Gürtellinie. Ich erinnire mich nur an die Szene wo der Alte und Alois junior sexuell miteinander aktiv werden. Das verursacht Würgreflexe, sowohl beim Leser wie auch bei D.T.
D.T. ist der Erzähler dieses Buches. Er führt einen in seine Gedankengänge und eröffnet einem ganz neue Perspektiven. Mailer, der Author, mischt dabei gekonnt Fiktion und Realität miteinander das es einem immer schwerer fällt den Unterschied auszumachen. Er schildert es eindringlich und intensiv, das es unter die Haut geht. Ich habe selten jemand lesen dürfen, der so schreiben kann. Ganz großen Respekt.
Die Parallelen die gezogen werden, werden manchem Deutschen und Moralapostel zu Recht sehr bitter aufstoßen. Die Vergangenheit ist unsere Brandwunde, unser Mahnmal. Wir dürfen nicht vergessen, aber wir müssen weitergehen. Vielleicht regt das Buch deswegen die Gemüter so an, weil einige nicht weiter gehen wollen oder weil dieses Buch eine Sichtweise auf manche Dinge bietet die so erschreckend sind das man sich fragt ob es nicht doch so gewesen sein könnte.
Außerdem sollte man geschichtlich schon bewandert sein, ansonsten verblasst ein großer Teil der Magie des Buches. Denn es gibt viele Anspielungen, viele Nebenstricke und wichtige Informationen die man ohne geschichtliches Intresse und Wissen nicht nachvollziehen kann und dann irgendwie wie vor den Kopf gestoßen da steht. Klar liest man weiter, aber irgendwie hat man das Gefühl was verpasst zu haben.
Das Schloss im Wald ist ein schockierends und provokantes Buch, allerdings wohl eher wegen seinem Thema. Hätte D.T. andere Klienten wie die Familie Hitler gehabt, hätte sich kein Schwein dran gestört. C'est la vie.
Ich gebe die Kaufempfehlung, denn selten hat mich ein Buch derart gefesselt und mitgerissen.
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17 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Anatomie des Bösen, 2. Oktober 2007
Also mit richtig viel Freude habe ich es nicht gelesen. Aber vielleicht ist das ja auch zuviel erwartet, bei diesem Thema.
Es ist schon ein spannendes Unternehmen. Norman Mailer versucht eine Frage zu beantworten, die sich viele stellen, die sich mit der größten Katastrophe des 20. Jahrhundert beschäftigen: Was hat sich dieser Mensch eigentlich dabei gedacht? Dieser Hitler, als er Europa in einen Trümmerhaufen verwandelte, Millionen industriell töten lies aufgrund der Religion ihrer Vorfahren und für wahrscheinlich insgesamt 50 Millionen Tote sorgte? Was ging in diesem Kopf vor? Was für ein Mensch war das? Ist der Satz richtig, dass selbst den Bösen in der Geschichte ihr eigenes Verhalten aus eigener Perspektive immer noch rational erscheint? Oder haben wir hier wirklich das "reine Böse" vor uns, jenseits aller Rationalität und Menschlichkeit?
Norman Mailer scheint mir darauf eine geteilte Antwort zu geben. Ja, er versucht eine biographische Begründung. Er erzählt von der Kindheit Adolf Hitlers. Von der Familie aus der hintersten Provinz Österreichs, von einem überdominanten und bewusst atheistischen Vater, vom Sterben vieler Kinder durch Krankheiten, von geistiger und ökonomischer Enge. Mailer zeichnet ein realistisches Bild von der traurigen Lebenswirklichkeit in der Provinz. Meist ist es eine nicht unübliche Familiengeschichte, die erzählt wird. In einigen, wichtigen Punkten weicht aber die Familie von der Norm ab. So ist Adolf das Ergebnis von mehrfachem Inzest, nach der Version von Mailer war Adolfs Mutter sogar selbst ein Kind von Adolfs Vater, also so genannter Inzest ersten Grades. Folge ist dann ein Missbildung im Genitalbereich und später zeitweilige Impotenz. Bereits in der Jugend erfolgen die ersten Kriegsspiele, natürlich mit Adolf als (An-) Führer. Ein Schmied sorgt für den "eisernen Willen". Der Höhepunkt ist schließlich das Vergasen eines Bienenvolkes, nach vielen, langen Textstellen, die Bienenvölker und Nationen vergleichbar erscheinen lassen. Und es gibt dann noch einen Haufen seelischer und körperlicher Gewalt. Und nicht zuletzt ist schon Adolfs anale Phase, ganz nach Freud, extrem kompliziert und wird bis ins letzte Detail dargestellt. Und ja, wir bekommen ein extrem unsympathisches Kind vorgestellt, so wie selten in der Literatur.
Aber Mailer reicht die biographische Erklärung des Bösen offensichtlich nicht aus. Der Teufel muss ins Spiel. Und so führt Mailer gleich zu Beginn des Buches einen Erzähler ein, der selbst zwar nicht der Teufel, aber doch einer seiner liebsten Mitarbeiter ist. Und der vom großen "Maestro" die Aufgabe bekommt, sich dieses kleinen Kindes anzunehmen und aus dem Kind einen großen, bösen Mann zu machen. Und es geht noch weiter. Damit man das Böse versteht berichtet der Unterteufel auch noch gleich von seinen anderen Aufgaben - der Ermordung von Kaiserin Sissi, dem Ruinieren der Zarenfamilie in Russland vier Tage nach der Krönung des Zaren und einigen weiteren, kleinen Untaten. Leider ist das alles nur oberflächlich mit Adolfs Geschichte verbunden. Es schafft eher ein Panorama der Zeit. Das Sissis Mörder eine erste, sexuelle Phantasie von Adolf werden darf, wirkt dagegen etwas gewollt.
Braucht man den Teufel, um das Phänomen Adolf Hitler zu erklären? Ich meine, eher nein. Leider schaffen wir Menschen das mit dem Bösen schon ganz von allein. Für mich verdeckt die Konstruktion des Erzählers die Tatsache, dass die kommende Katastrophe eben doch in den Menschen schon angelegt war, so auch in den Überzeugungen eines 19. Jahrhunderts, dass eben nicht immer humanistisch war sondern auch oft ein Marktplatz von Ideen und Ideologien, die den Menschen als Einzelnen nicht mehr in den Mittelpunkt einer ethischen Idee stellten. Und es verdeckt auch die Tatsache, dass Menschen sich dieser Ideen bedienen, um dann die ganz persönlichen Neurosen auf Kosten anderer auszuleben. Und das bis zu deren Tod.
Geschrieben ist das ganze clever, mit einem gewissen Humor und vielen starken Szenen auf der einen, aber auch einigen Längen auf der anderen Seite. Herrlich: Die Darstellung eines Eremiten, vom Teufel instrumentalisiert, homosexuell, der viel zu Bienenvölkern zu sagen hat. Herrlich auch die Figur des Bruders von Adolf, des schwarzen Schafs in der Familie, Hassobjekt aber wohl auch Vorbild von Adolf zugleich. Ein Bild von einem Arier, hoch zu Ross, arrogant, ein Frauentyp, dabei arbeitsscheu, eigentlich völlig unfähig. Auch herrlich sind einige der Erklärungen des Teufels, wie die über die besondere Qualifikation eines Politikers: Man muss nur schnell genug an seine eigenen Lügen glauben können. Nervend dagegen die endlose Wartezeit auf das Überleben von zwei Bienenvölkern im Winter und generell die Passagen über die Arbeit auf dem Bauernhof. Nervend auch die Neigung des erzählenden Protagonisten, die Handlung immer wieder dem Leser erklären zu müssen.
Am Ende ist das Buch dann leider etwas schnell vorbei. 1933 tritt kein Kind mehr an die Spitze Weimars, sondern ein ausgewachsener Diktator. Aber dazu kann das Buch leider nicht mehr viel sagen, es endet mit Adolfs Abschied aus dem Elternhaus im Jahre 1905. Adolf Hitler wurde 17 in diesem Jahr.
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