...dass diese Geschichte endlich verfilmt wurde. Wer schon einmal vor der Nordwand stand und die Tragödie um die Seilschaften von Toni Kurz, Andi Hinterstoißer, Willi Angerer und Edi Rainer kennt, der fragte sich seit Jahren: Wieso wurde diese hochdramatische Geschichte noch nicht, mit neuer Technik, auf Zelluloid gebannt? Philipp Stölzl hat sich an die Arbeit gemacht und mit Nordwand einen fast authentischen Film über die erste, europaweit in den Medien übertragene, Live-Katastrophe der Neuzeit gedreht.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der Zeitungsvolontärin Luise Fellner(Johanna Wokalek). Im Dritten Reich, wir schreiben das Jahr 1936, fiebert das Land den Olympischen Spielen in Berlin entgegen. Fast gleichzeitig scheitern immer wieder Bergsteiger an der sagenumwobenen Eiger Nordwand. Die Wand, ständig ohne Sonnnenlicht, immer feucht und mit losem, gefährlichem Gestein versehen, gilt als unüberwindbar. Kein Wunder, dass das Regime, passend zur Olympiade, deutsche Helden präsentieren möchte, die diese Wand bezwingen. Der Berliner Reporter Arau(Ulrich Tukur) sucht genau diese Helden. Seine Volontärin Johanna, die aus Reichenhall stammt, kennt die beiden Gebirgsjäger Toni Kurz(Benno Fürmann) und Andreas Hinterstoißer(Florian Lukas). Beides, begeisterte Bergsteiger. Während der draufgängerische Hinterstoißer sofort Feuer und Flamme für die Idee ist, scheint dem besonnenen, nachdenklichen Kurz das Risiko zu groß.
Als die beiden jedoch erfahren, dass die Österreicher Edi Rainer und Willy Angerer, Freunde des nationalsozialistischen Regimes, den Aufstieg wagen, steigen auch Kurz und Hinterstoißer mit in das Rennen um den Gipfel ein. Das Medieninteresse ist gewaltig, als die beiden Seilschaften in den Berg einsteigen. Was dann passiert, das ist die Geschichte einer Tragödie, wie es sie in den Alpen seitdem nie wieder gegeben hat.
Stölzl hat sich sehr eng an die wirkliche Geschichte gehalten. Lediglich mit dem Einbau der Luise Fellner und ihrer Liebe zu Toni Kurz, die am Ende des Films den Mittelpunkt der Handlung einnimmt, hat er die Story kinotauglich ausgeschmückt. Das ist dann aber auch schon der einzige kleine Schwachpunkt der Verfilmung. Grandiose Bergaufnahmen, gepaart mit einer intensiven, atemberaubenden Geschichte und dem Gedanken, dass es sich so, oder so ähnlich, abgespielt hat, sind die Grundpfeiler des Films. Dazu brilliert Ulrich Tukur in der Rolle des Reporters Arau, bei dem man sich fragt, ob er Mensch oder Reporter ist. Fürmann und Lukas sind als Mimen absolut bergtauglich und Johanna Wokalek verbindet die Charaktere der Handlung. Wenn Kurz Hinterstoißer mit Graupensuppe bekocht, oder die beiden den Führergruß stets mit erhobener Hand und einem Servus quittieren, dann transportieren die beiden Schauspieler den Alpinismus der Kriegszeit perfekt. Am Berg wird Hinterstoißers Motto "Geht nicht, gibts nicht" zum zentralen Thema der Begegnung Mensch-Natur. Die Aufnahmen der Besteigung, in Verbindung mit der damaligen Ausrüstung und den technischen Schwierigkeiten, sind beeindruckend.
Nordwand verbindet eine schon fast dokumentarische Aufarbeitung einer Bergsteigertragödie, mit hollywoodtauglichem Kinomaterial. Das ist Philipp Stölzl fast perfekt gelungen. Der Zuschauer wird es ihm danken. Und wer noch nie vor der Nordwand gestanden hat, dem kann ich nur raten: Schauen sie sich das in Natura an. Sie werden niemals glauben, dass ein Mensch dort hinauf steigen kann!