Es ist schon ein wenig überraschend, dass der KulturSPIEGEL ausgerechnet NORDSEE IST MORDSEE in seine 50-teilige DVD-Reihe 'Edition Deutscher Film' aufgenommen hat, gibt es doch von dem Regisseur Hark Bohm wesentlich erfolgreichere Streifen wie MORITZ LIEBER MORITZ, DER KLEINE STAATSANWALT, YASEMIN oder HERZLICH WILLKOMMEN. Doch es ist wohl tatsächlich NORDSEE IST MORDSEE, der sich am tiefsten in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.
Der Film spielt Mitte der 70er-Jahre in dem damaligen und heutigen Hamburger Problemstadtteil Wilhelmsburg und wird im Wesentlichen geprägt von herrlich unbekümmert agierenden jugendlichen Laiendarstellern. Die beiden Hauptprotagonisten Uwe und Dschingis wurden von Bohms Adoptivsöhnen Uwe Enkelmann (später Uwe Bohm) und Dschingis Bowakow gespielt.
Damals konnte man die soziale Realität von Kindern so genannter bildungsferner Schichten noch ungeschminkt in Film und Fernsehen präsentieren; man denke nur an den großartigen TV-Mehrteiler DIE VORSTADTKROKODILE, der kurz danach entstand und sich auf sehr ähnlichem Terrain bewegte.
Seelenlose Vorstadtviertel, elterliche Gewalt oder Überfürsorglichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Jugendkriminalität versus kindlicher Freiheits- und Behauptungswille und unberührte Naturreservate in direkter Nachbarschaft zur brutalen Hochhausarchitektur, das alles ergibt eine hoch brisante, hoch spannende Mischung, die sich in Hark Bohms Studie zu einem kleinen Meisterwerk verdichtet, das seine Brisanz und Aktualität seltsamerweise behalten hat, auch wenn sich die gesellschaftlichen Paradigmen in den letzten 35 Jahren dramatisch zu Gunsten der Kinder verändert haben. Und so strahlt dieser Film bis heute eine ungebrochene Kraft aus. Selbst die Langhaarfrisuren vieler heutiger Jungs nähern sich denen von 1975 inzwischen wieder in erstaunlicher Weise an. ;-)
Vermeidbare Fehler sind hingegen den Autoren der kurzen Klappentexte zur DVD unterlaufen. Bei Uwe und Dschngis handelte es sich nicht um zwei 14-Jährige, sondern um zwei 13-Jährige. Udo Lindenberg steuerte nicht 'die Lieder' zum Flm bei, sondern nur eines. Die anderen der von ihm verwendeten Songs stammen aus bereits zuvor veröffentlichten Platten des Sängers. Und jeder, der NORDSEE IST MORDSEE auch nur einmal gesehen hat, weiß, dass Udo sein "Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau'n" nicht am Anfang, sondern ganz am Ende des Filmes zum Besten gibt. Peinlich, peinlich.
Und leider gibt es auf der DVD auch keinerlei Bonusmaterial, das sich auf den gezeigten Film bezieht. Was wäre da alles möglich gewesen! Was für eine verschenkte Chance! Trotzdem fünf Sterne für diesen ansonsten großartig restaurierten Coming-of-age-Klassiker.
"Mann, nochmal schaffen wir das bestimmt nicht. Beim nächsten Mal krallen die uns bestimmt!" (Dschingis).
"Vielleicht nächstes Mal. Aber besser nächstes Mal 'n Arschvoll kriegen, als jetzt gleich!" (Uwe).