"Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land" ist in seiner zweiten, vollständig aktualisierten Ausgabe bereits im Oktober 2007 erschienen. Dies ist der Aktualität des Buches jedoch keinesfalls abträglich, denn im letzten "sozialistischen Frontstaat" gehen die Uhren langsamer als in der übrigen Welt.
In seiner Einleitung gibt der Herausgeber Christoph Moeskes u. a. einen historischen Rückblick auf die Ereignisse zwischen dem Koreakrieg (1950 - 1953) und dem sich anschließenden "Kalten Krieg". Die Erinnerung an die verheerenden Kämpfe und amerikanische Luftangriffe, die teilweise Züge eines Vernichtungskrieges trugen, führten in Nordkorea zu einer Traumatisierung. Hinzu kam die unmittelbare Bedrohung durch Nuklearwaffen, die entgegen des Waffenstillstandabkommens (einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht !) in Südkorea stationiert wurden. Nordkoreas "Kriegswirtschaft" umfasst ein Viertel des Bruttosozialproduktes für die weltweit fünftgrößte Armee mit ca. 1 Million Soldaten und 800.000 Reservisten. Die größte Gefahr des nordkoreanischen Atomprogramms besteht lt. Moeskes darin, dass Pjöngjang nukleares Material oder ganze Sprengvorrichtungen an Dritte weitergeben könnte. Andererseits offenbart sich täglich auch eine "Misswirtschaft", die in permanentem Energiemangel und den entsetzlichen Hungersnöten in den Jahren 1994 bis 1998 gipfelte. Trotz einer langsamen wirtschaftlichen Öffnung sind dem Touristen spontane Kontakte zu Nordkoreanern verwehrt, da dessen Bewegungsfreiheit meist nach wenigen Metern endet. Daneben gibt es jedoch auch die Realität der im Land vorhandenen Tempel- und Grabanlagen, die vollkommen frei von jedweder Ideologie vom Reichtum koreanischer Geschichte und Kultur zeugen. So könne derjenige, der in Nordkorea einen sozialistischen Mutterstaat sehen will, dies ebenso tun, wie jemand, der das Land als bizarre Diktatur sehen will. So werde auch derjenige Bestätigung finden, der das Land als eine tragische Komödie sehen will....
Im Hauptteil des Buches bieten 22 Autoren verschiedenster Herkunft, Berufe und ihrer Motivation Nordkorea zu besuchen, bzw. dort zu arbeiten, Einblicke in einen Alltag, der dem staatlich behaupteten bisweilen fundamental zuwider läuft. Die einzelnen Reise- und Erfahrungsbericht sind unter den Überschriften "Pjöngjang", "Provinz", "Inszenierung", "Hilfe", "Wirtschaft" und "Austausch" zusammengefasst. Folgende Themenfelder ziehen sich durch das Buch, bzw. sind besonders erwähnenswert.
Die Furcht vor dem Erzfeind US-Amerika ist allgegenwärtig. Kriegsfilme um die die "Koreanische Volksrevolutionsarmee" ist das stärkste Genre im Kino. Die Propaganda spricht von einem "freiwilligen Militärdienst". Erntebrigaden auf dem Feld werden von einem Propagandawagen mit Megaphonen beschallt. Nordkoreanischen Staatsbürgern ist bei Strafe verboten, jeglicher Kontakt mit Ausländern zu unterhalten. Der devisenstarke Tourist muss für einen fünftägigen Aufenthalt fast 1000 Euro zahlen, wird dafür wie ein Staatsgast permanent begleitet. Walter Pfabigan hatte hierfür den Begriff "Delegationismus" geprägt. Der Empfang ausländischer Sender ist ebenfalls verboten. So kann man auch nicht einfach einen Nordkoreaner anrufen. Autoverkehr ist rar, fehlt manchmal sogar völlig. So hat, derjenige, der das größere Auto fährt Vorfahrt. Dennoch gäbe es keine aggressiven Reaktionen. In der Hauptstadt dürfen Frauen aus Gründen der Sicherheit und Schicklichkeit nur dreirädrige Fahrräder benutzen. Der Einsatz von Frauen als "Tanzende Polizistinnen" , die Blumen von Pjöngjang. Es bleibt der Eindruck aus einer Mischung von Gefängnis und Kuriositätenkabinett.....
Trotz der Hundesuppen "Kaegogi" oder "Tangogi" sei der besten Freund des Menschen in Korea viel sicherer als in China. Obwohl im Zoo von Pjöngljang neben den bei uns üblichen Angaben auf den jeweiligen Schildern, auch die Verwendung des Tieres angegeben ist, würde ein gesunder Koreaner auch niemals eine Katze verspeisen. Das nordkoreanische Bier "Maekchu" soll hervorragend sein! Drei große Gläser für einen Euro (2003). Das Sammeln von Eicheln und selbstangebautes Gemüse linderten die Nahrungsmittelknappheit. In den Jahren 1994 bis 1998 starben nahezu 1 Million Nordkoreaner den Hungertod. So wurde die private Bewirtschaftung, sogenannter Küchengärten erlaubt. Aus dem ganzen Land strömen Menschen herbei, um den "Ewigen Präsident", d. h. den einbalsamierten Leichnam Kim Il Sung in seinem Glassarg die Ehre zu erweisen. Der "Große Führer" habe neben dem russischen und chinesischen Sozialismus für Nordkorea einen dritten Weg gefunden, der sich in der adaptionsfähigen Staatsideologie "Juche", d. h. alles aus eigener Kraft leisten zu können, offenbare. Garant ist nun der 'Geliebte Führer', Kim Jong Il. Nordkorea blieb als einziges Land übrig, das noch den Bronzeguss für Monumentalstatuen betreibt. Auch die "Sonderwirtschaftszonen" Rason im Norden und Kaesong im Süden, eine südkoreanische Produktionsstätte und Exklave, stehen nicht im Widerspruch zum System.
Denn Kim Il Sung sagte, dass Märkte nicht bloße Kennzeichen des Kapitalismus seien, sondern der menschlichen Gesellschaft und somit nicht im Widerspruch zum Sozialismus stünden. Die Flexibilität des Juchesystems zeige sich mittlerweile in einem "Parteitagsschlussverkauf", der Ersten Geldkarte des Landes, der Zulassung von Bauernmärkten und einer vernüftigen Abwertung des Won gegenüber dem US-Dollar. Christliche Priester gibt es zwar im ganzen Land nicht, jedoch einige evangelische und katholische Kirchen....
Den Abschluss des Buches neben bilden Anmerkungen/Fußnoten und einem vierseitigen Literaturverzeichnis, eine kurze Vorstellung der Autoren, ein Abbildungs- und Quellennachweis, sowie eine Seite mit hilfreichen Internetadressen. Auf der allerletzten Seite gibt es noch mit dem "Nordkorea-Handbuch. Unterwegs in einem geheimnisvollen Land" aus dem Trescher Verlag, einen Hinweis auf einen der wenigen Reiseführer.
Christoph Moeskes ist ein spannendes und ausgewogenen Buch gelungen, das den interessierten Leser mitunter nachdenklich stimmen, aber auch schmunzeln lassen kann, denn in Nordkorea ergibt sich häufig und unerwartet eine wundersame Wendung....
5 Amazonsterne!