..., da Wolfgang Hinte zwar auf gleicher Ebene wie A.S. Neill beginnt, dann aber die meiner Meinung nach weiterführenden Schritte einleitet.
Der Autor hat hier ein Konzept vorgelegt, welches uns klarzumachen versucht, das der Mensch keineswegs erzogen, also nach eigenen Ansichten "verändert" werden muss, sondern dass er bereits positive Kräfte besitzt, die oft nur unterbewußt brachliegen und dementsprechend aktiviert werden müssen. Wo Neill also meinte, Kinder müssen einfach nur machen was sie wollen und damit doch recht schwammig daherkommt, hat Wolfgang Hinte ein ganz leichtes Gerüst erbaut, an dem die Lernenden sich gegebenenfalls entlanghangeln können. Er spricht an einer Stelle von der sogenannten "Stechmückenfunktion", die Menschen helfen soll ihre verborgenen und durch jahrelange Erziehung erstickten Bedürfnisse zu finden und frei zu entfalten.
Im 1. Kapitel spricht Hinte von der Situation wissenschaftlicher Praxis. Er kritisiert stark die vorherrschende Arroganz und Ignoranz diverser Lehrkörper an Schulen und Universitäten, die sich in Fachjargon und INsidersprache verkriechen, um nichts von ihrer intellektuellen Fassade beschädigen zu müssen. Ein Problem, das mir und wohl auch vielen anderen Studenten durchaus bekannt sein dürfte. Des weiteren schreibt er über analytische Verfahren, Probleme der Methodologie, die Verantwortung von Wissenschaftlern u.ä.
Im 2. Kapitel behandelt er den ersten von zwei wissenschaftstheoretischen Ansätzen, auf denen seine non-direktive Pädagogik basiert bzw. aus denen er einiges für sein Konzept ziehen konnte. Dieser Ansatz ist der Symbolische Interaktionismus. Welche Prinzipen konnte er gebrauchen, was ist kritisch daran zu sehen und wie sieht es mit Handlungsforschung aus. Darauf findet man im besagten Kapitel Antworten.
Es folgt Kapitel 3 über die Humanistische Psychologie. Auch hier wird wieder erklärt inwiefern diese für die non-direktive Pädagogik wichtig ist.
Hat man diese beiden Kapitel aufmerksam gelesen, kann man sich schon sehr gut vorstellen wie das Konzept HIntes aussehen wird. Er beginnt in Kapitel 4 zu beschreiben wie die gesellschaftliche Situation in Deutschland aussieht, das man drauf achten muss die sie ständig wandelnde Gesellschaft bei pädagogischen Fragen nicht außer Acht lassen darf und kritisiert dann die traditionelle Erziehungswissenschaft wie auch die Antipädagogik. Ein interssantes Kapitel. Hinte ist natürlich Gegner der allgemein verbreiteten Erziehung, die nur darauf abzielt Menschen mit unnützem Wissen zu füllen und ihn so zu verändern, wie man selbst es gerne hätte. Doch auch an der antiautoritären Erziehung kann er keine uneingeschränkte Freude empfinden, ist er doch der Meinung das auch hierbei zwischenmenschliche Inhalte wie Liebe und Vertrauen nur benutzt werden um bestimmte Ziele ("wenn ich das Kind machen lasse was es will, wird es schon sehen, dass ich Recht habe") zu erreichen. Und Ziele darf es nicht geben bzw. nur solche, die die Lernenden sich gemeinsam und freiwillig setzen. Das wäre der nächste Punkt in diesem Kapitel. Der Antipädagogik kann er zwar ein wenig abgewinnen, doch der Ansatz greift für ihn zu kurz, da Pädagogik "nicht einfach nur 'da sein' darf", sie muss auf Menschen zugehen (vgl. S. 89). Und "damit keine Mißverständnisse entstehen" (so die Überschrift vom letzten Punkt in Kapitel 4) erklärt Wolfgang Hinte dann nochmals was non-direktive Pädagogik NICHT bedeutet. Die Grenzen sind ja oft bei solchen Ansätzen recht verschwommen, obwohl ich das hierbei nicht so empfunden habe.
Kapitel 5 widmet sich dann der Praxis non-direktiver Pädagogik. Hier wird eingehend erklärt, das "Gruppe" ein wichtiger Faktor selbstbestimmten Lernens ist. Der Autor meint sogar, dass selbstbestimmtes Lernen mit politischen Konsequenzen NUR in der Gruppe stattfinden kann. Es folgen Beschreibungen zur Selbstbestimmung, zur Motivation (man lernt Dinge besser, wenn sie die eigene Lebenswelt berühren und einen somit persönlich betreffen), zur Wichtigkeit vom Lernen durch Erfahrung und der Gefühle, die man nicht unterdrücken sollte. Er zählt die verschiedenen Stadien im Prozeß freien Lernens auf und erwähnt dann noch die Reaktion der Institutionen auf eben dies. Danach wird sich eingehend mit der Rolle des Pädagogen beschäftigt, d.h. der Pädagoge ist selbst einer von der Gruppe, er hat selbst Fragen und lernt auch selbst dazu (das als Antwort auf die eingangs erwähnte Überheblichkeit der Lehrkörper), er sollte über sich selbst, also über mögliche psychische Dispositionen bescheid wissen und natürlich muss er sein Arbeitsfeld genaustens kennen. Er muss authentisch sein und zu dem stehen was er sagt, denkt und fühlt. Seine konkreten Aufgaben werden genannt, wie er Manipulation vorbeugen kann und was "richtiges" und "falsches" Verhalten bedeuten.
Abgeschlossen wird das Buch mit zwei Kapitel über die Ergebnisse und den stellenwert selbstbestimmer Lernprozesse und der Situation in der Praxis non-direktiver Pädagogik.
Sehr gutes Buch, hat mir gefallen, allerdings erst nach dem zweiten Lesen, da doch vieles wiederholt wird und man erstmal alles sammeln und evtl. ordnen muss. Ich bin schon seit der Lektüre von A.S. Neill fest davon überzeugt, dass man Menschen sich frei entfalten lassen sollte, dass man sie lernen lassen sollte was sie wollen UND das man ihnen dabei hilfreich, doch ohne vorherbestimmte Ziele und Methoden zur Seite stehen muss.
Ein Buch für alle, die sich, sei es berurflich oder privat, für Pädagogik interessieren und die auch genau wissen, dass mit der gängigen Erziehung irgendwas nicht stimmen kann.