Diese Rezension beruht nicht auf einem Langzeittest, ich habe das Gerät aber eingehend geprüft.
Auffälligste Schwäche: Das Außenmaterial ist extrem minderwertig; die Silberfarbe am Rand geht bei leichtester Bestoßung ab (darunter: blaßweißer Kunststoff), wie das erst zwei Tage ausgestellte Modell (kein Dummy!) gezeigt hat; mit dem Finger (nicht den Nägeln!) drübergefahren und die silberfreie Stelle wurde größer. Wie schon beim N81 ist dieses silberne Plastik von einer solch unfaßbar billigen Hong-Kong-Kaugummispielzeugqualität, daß es mir nicht im Traum einfiele, für dieses Gerät überhaupt Geld auszugeben. Die Folientastatur bekommt leicht Dellen und liegt dann schräg auf. Schon bei früheren Nokias ist mir aufgefallen, daß sie auf kurze Lebenszeit ausgelegt sind (nur ein Beispiel von sehr vielen: die Tasten des 6230 meines Vaters, der mit seinen Sachen sehr pfleglich umgeht, waren nach einem halben Jahr unverhältnismäßig stark verkratzt). Bei diesem Modell aber ist dieser Nachteil so eklatant, daß andere Eigenschaften das nicht mehr wettmachen können.
Die Dreierleisten der Zahlentastatur lassen sich vertikal leicht kippen, so daß die Längskante dann etwas hervorsteht. Die dann unvermeidbar vorkommende Belastung in Querrichtung beim Drücken auf der benachbarten Dreierleiste wird sicher nicht lange folgenlos bleiben, zumal das Material sehr dünn ist und anfällig wirkt. Horizontal (z. B. 1, 2, 3) lassen sich die Tasten haptisch überhaupt nicht unterscheiden, aber das ist Geschmackssache. Die dynamische Tastaturbeleuchtung paßt mit ihrer ungleichmäßigen Helligkeit ins Bild. Schade ist auch das Fehlen der automatischen Helligkeitsanpassung des Displays an das Umgebungslicht, wie sie noch im N95 zu finden war.
Von geradezu entlarvender Zerbrechlichkeit ist der dünne Aufstellbügel auf der Rückseite: Die an sich praktische Idee zeigt in dieser Ausführung nur an, daß das Handy nicht wirklich auf den mobilen Einsatz hin konzipiert wurde.
Daß die hochbeworbene Kamera nicht durch eine Abdeckung geschützt wird, ist mir ebenfalls unbegreiflich: Bei der winzigen Linse und den fünf MPixeln bewirken auch kleinste Kratzer einen Kontrastverlust. Was nützen einem zig-Megapixel-Carl-Zeiss, wenn man durch Kratzer hindurch fotografiert? Soll ich meine Handyrückseite stets von allem fern- und überhaupt nur seitlich festhalten? Der Linsenschutzschieber fehlt dann auch als Kameraschnellstartschalter, das ist beim N82 und N85 schöner gewesen.
Positiv immerhin: Die Slidermechanik macht denselben robusten Eindruck, wie schon beim N81, gleitet seidenweich und rastet satt ein. Die Menueanimationen überfordern den Prozessor ein wenig, die Applikationen aber starten und laufen flott. Die Menueführung ist Symbiantypisch, könnte aber in einigen Punkten offener für Konfigurationen sein (Displaybeleuchtungszeit, Profilverwaltung, Anzeigen im Standbydisplay etc.). Der Mediaplayer ist recht ordentlich und bietet die wichtigsten Features, gut auch (und hoffentlich bald Standard) sind das RDS-Radio und der Klinkenstecker.
Fazit: Wenn ich an Taschenmesser, Jeans, Lederstiefel oder auch nur an ein Zippo-Feuerzeug denke, dann weiß ich, daß es prinzipiell möglich ist, Dinge so zu fertigen, daß Abnutzungserscheinungen ihren ästhetischen Wert sogar steigern können und sie quasi in Würde altern. Solange Handyhersteller aber nur hochempfindliches Billigmaterial (Nokia) oder pseudo-outdoor-Modelle (SonyEricsson C702) anbieten, nicht aber ein Modell, das schlicht alltagstauglich ist, werde ich mir meine an sich ausgeprägte Lust auf technischen Spielkram verkneifen, denn diese Geräte altern weder in Würde noch in Schande, sondern überhaupt nicht - sie gehen nur einfach kaputt.