Joan Baez' jährliches Album von 1966 war "Noel", eine Platte mit Weihnachtsliedern. Es war aber keine Weihnachtsplatte im herkömmlichen Sinne, bei der irgendwelche mehr oder weniger bekannte Interpreten bekannte Weihnachtslieder mehr oder weniger engagiert mit meist kitschiger oder überladener Begleitung zum Besten geben, um am Weihnachtsgeschäft mitnaschen zu können. "Noel" entspricht nicht dieser Norm, denn es ist ein engagiertes Werk. Schon alleine die Songauswahl beweist es. "Little Drummer Boy", "Silent Night" und das aus dem französischen Kulturkreis stammende "O Come, O Come Emmanuel" dürften allgemein bekannt sein, der Rest aber nur wenigen oder nur bestimmten Kulturkreisen. Die Songs wurden aus verschiedenen Gegenden zusammengesucht, so etwa das katalanische "The Carol of the Birds" oder "Deck of Halls" aus Wales.
Joan Baez bediente sich des Arrangeurs und Dirigenten Peter Schickele, der mit dem Einsatz von Lauten, Spinett, Violas, Streichern und Blasinstrumenten ein herrlich vielschichtiges, aber nie überladenes und schon gar nicht kitschiges Klangbild entstehen ließ, in das Joan Baez' wohlklingender Sopran wunderbar eingebettet ist. Die Arrangements waren für eine Weihnachtsplatte vielleicht nicht so sehr, aber für eine Joan Baez Platte der damaligen Zeit vollkommen außergewöhnlich. Die fundamentalen Folk-Freaks dürften entsetzt gewesen sein.
Aber man lehne sich mal entspannt zurück und lasse die Töne wirken. Etwa das sich donnernd steigernde "Little Drummer Boy"; die herrlich arrangierten Instrumentalstücke "Bring a Torch, Jeanette, Isabella", "Angels We Have Heard on High", "Good King Wenceslas" oder "Adeste Fidelis"; das majestätische, in gut verständlichem Deutsch gesungene "Ave Maria" von Franz Schubert; das aus dem Songbook von John Jacob Niles entnommene "I Wonder as I Wander"; das feierliche "Mary's Wandering"; Martin Luthers bewegendes "Away in a Manger" mit lieblicher Spinettuntermalung; das festliche, in französisch gesungene "Cantique de Noel" oder die schöne Melodie von "What Child Is This". Sie alle sind Höhepunkte einer außergewöhnlichen Platte und beweisen welch kraftvolle und doch einfühlsame Sängerin Joan Baez ist. Man höre nur, wie empfindsam sie "Silent Night" interpretiert. Herrlich wie sie auf jedes einzelne Lied eingeht und alle Nuancen und Gefühle an die Oberfläche bringt.
Als Weihnachtsplatte ein unbedingtes Muss. Außer klassischen Werken und solchen bestimmer Jazzgrößen kenne ich nichts Vergleichbares. Es ist aber auch eine Platte, die man auch bedenkenlos außer der Saison auflegen kann, einfach weil es wunderschöne Musik von einer der besten Sängerinnen des Musikgeschäftes ist.
Die remasterte Neuauflage von 2001 bringt zwar nur eine moderate Klangverbesserung, aber mit sechs zusätzlichen Stücken, darunter "The First Noel", "Virgin Mary" und "Away in a Manger" in einer französischen Fassung, doch ein großzügig erweitertes Musikerlebnis.