„Kein lebender Pianist klingt so!", war der erste Satz, den ich über Ivan Moravec las. Nun, dachte ich, mit dieser Aussage hat sich der Kritiker vom Rondomagazin aber weit aus dem Fenster gelehnt. Jetzt wollte ich es auch hören. Meine Meinung danach: So etwas habe ich noch nie gehört! War mein Empfinden bisher geprägt vom unübertroffenen Klavierspiel eines Glenn Gould oder Jewgeni Koroliov (z. B. Goldberg Variationen und Kunst der Fuge von beiden Interpreten), kam nun mit Ivan Moravec eine neue Dimension hinzu. Was dieser Mensch dem Piano für Töne entlockt, ist eigentlich nicht mit Worten zu beschreiben. Nun, es kommt nicht von ungefähr. So las ich auch, das Ivan Moravec teilweise Jahre (!) an einer Partitur arbeitet. Und das hört man dann auch: Jeder Ton leuchtet in einer Vollkommenheit, die wohl kaum zu überbieten ist.
Schostakowitsch sagte einmal: „Musik kann auch ein verstocktes Herz berühren und dem Menschen seine starken und schönen Gefühle zurückgeben; sie kann - nach einem Ausdruck Tolstois - die Seele umwenden." Und genau das passiert, wenn man Moravec hört. Ich nenne es einfach „Beseeltes Musizieren", wenn ein Musiker mit seinem Spiel die menschliche Seele berührt.
Der Sinn des Lebens - so sagen die östlichen Weisen - besteht darin, sich zu vervollkommnen. Ivan Moravec, inzwischen über 70 Jahre alt, hat diesen Lebenssinn für sich erkannt: Er spielt einfach göttlich. Und wer‘s nicht glaubt, der möge hören......
Nur eines bleibt für mich offen: Wie würde Ivan Moravec die Goldberg-Variationen spielen? Vielleicht liest er eines Tages diese Zeilen...
Hartmut Kathmann aus Korntal am 20. Februar 2002