Elisabeth Leonskaja hat im neuen Jahrtausend eine passende Aufnahmeheimat beim audiophilen Detmolder Label Dabringhaus & Grimm gefunden. Ihre Teldec Einspielungen aus den 80ger und 90er Jahren sind aber weiterhin erhältlich - sie werden in diversen Billigreihen (Ultima, Apex, Basic Edition) des Warnerkonzerns verschleudert, der den Teldec Katalog gekauft hat und jetzt vermarktet. Kärgliche Ausstattung, meist niedriger Preis: Vor- und Nachteile liegen auf der Hand.
Leonskaja verkörpert einerseits die klassische russische Pianistenschule und ihre Tugenden: umfassend durchgebildete, virtuose Technik, gepaart mit gründlicher musikalischer Durchdringung der gespielten Werke. Andererseits entfernt sie sich häufig vom dort ebenfalls gepflegten Ideal einer intensiven emotionalen Kommunikation zugunsten einer distanzierteren, eher gedanklich gesteuerten Darstellung. So verhält es sich auch hier.
Die in dieser Ultima-Version wieder aufgelegten Nocturnes aus den Jahren 1991/92 bieten einen gründlich durchdachten, individuellen Chopin. Die Aufnahmen sind vom Ansatz her sehr homogen, und man hat das Gefühl, dass die Pianistin lange mit diesen Stücken gelebt hat. Sie wirken vollkommen angeeignet. Dabei äußert sich die persönliche Auffassung der Interpretin allerdings nicht in extremen Ausdrucksgesten, sondern umgekehrt gerade in deren Verweigerung. Basierend auf einem klaren, jederzeit fühlbaren Puls zeigen diese Nocturnes einen durchaus romantischen, freien Umgang mit dem Tempo, jedoch nur minimales Rubato im eigentlichen Sinn. Agogische Verläufe korrellieren mit den Phrasen oder auch noch längeren Abschnitten, während die quasi-improvisatorischen kleinen Beschleunigungen und Verzögerungen, welche die besondere Domäne der Chopinspezialisten darstellen, hier mit großer Sparsamkeit zum Einsatz kommen - streckenweise klingt Leonskajas Chopin fast wie Brahms. Auf der Habenseite sind so ruhige, in sich stimmige Hörerlebnisse sowie Einsichten in die Faktur der Stücke zu verzeichnen. Wer Flair oder Begeisterung sucht, ist hier falsch und sollte sich lieber z.B. an Maria Joao Pires halten.
Der Klang der Aufnahmen ist ausgezeichnet: voll, klar und atmosphärisch, im Bass gelegentlich ein wenig leise, was aber auch an der überwiegend melodiebetonten Spielweise der Pianistin liegen kann. In besonders dichten Passagen wie den con fuoco Attacken des F-Dur Nocturnes op.15 geht ein wenig die Durchhörbarkeit verloren, aber das ist bei den meisten Einspielungen so. Das in der Vorgängerrezension erwähnte Atmen der Pianistin konnte ich nicht ausmachen. Als "Booklet" fungiert ein Faltblatt mit anderthalb Spalten Text, dafür aber dreisprachig!
In der Summe eine zwar billig aufgemachte, aber hörenswerte, pianistisch, musikalisch und akustisch hochrangige Veröffentlichung, die sich stilistisch abseits der üblichen Gepflogenheiten bewegt. Als einzige Version ist sie nicht zu empfehlen. Wer hingegen eine oder mehrere der als Referenzaufnahmen gehandelten Einspielungen von Rubinstein und Arrau, Moravec, Pires und vielleicht Freire kennt, kann hier neue Aspekte dieser wunderbaren Werke kennen und hören lernen. Tipp: Die preisgünstigere Apex Version oder gebraucht die original Teldec Ausgabe kaufen.