"Noch einmal lieben" von Andrea Sixt wurde mir von einer Bekannten geschenkt, die mich ein halbes Jahr nach meiner Brustamputation besuchte. Und obwohl ich sonst Abstand nehme, sogenannte Betroffenen-Literatur zu lesen, habe ich mich doch ans lesen gemacht. Frau Sixt beschreibt die Zeit ihrer Krebsdiagnose, das Im-Stich-Gelassen-Werden durch den Partner, die Angst der Eltern um sie, die radikale Veränderung ihres Berufslebens und ihre zunehmende Selbstbewußtheit im Umgang mit ihrem veränderten Aussehen. Viele der von ihr beschriebenen Aspekte kann ich als Betroffene gut nachvollziehen - die Angst, wie das Leben mit Krebs weitergehen soll, die feuchten Hände bei jeder Nachsorgeuntersuchung, die Verunsicherung im Umgang mit Sexualität, das Ringen um ein neues Lebensgefühl. Ich habe große Achtung vor jeder Frau, die es schafft, nach der Erfahrung einer Brust-Amputation ein positives Lebensgefühl zu entwickeln und mit neuem Mut und neuen Zielen ihr Leben anzugehen. Zu diesen Frauen gehört auch Frau Sixt. Was mich an ihrem Buch allerdings stört ist zum einen die Erzählweise, zum anderen das Gefühl, daß ihr Lebensrahmen doch recht außergewöhnlich ist und nicht den Alltag der meisten Frauen spiegelt. Die Autorin erzählt ihren Werdegang und die Begegnungen mit anderen nach und recht häufig nimmt sie das Folgende schon vorweg, wenn sie sagt:...was das für mich bedeuten würde, konnte ich damals noch nicht erahnen.. Damit wird das Weitere absehbar und ließ mein Leseinteresse deutlich sinken. Was den Aspekt der Lebensumstände angeht, so hatte ich bei der Lektüre oft andere Mitpatientinnen im Kopf, die mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen haben als mit der, ob der nächste Mann der Richtige sein wird...Ich denke dabei an Frauen, die aufgrund ihres Befundes nicht um eine Chemotherapie herumkommen und sich den Luxus der Aussage von Frau Sixt:"eine Chemotherapie kam für mich nicht in Frage."(S.35, Goldmann TB)nicht leisten können. Ich denke an Frauen, die ihren Partner während seiner Krankheitsphase umsorgt haben und nun feststellen, daß er mit ihrer Krebserkrankung völlig überfordert ist. Ich denke an Frauen, die von ihrem Partner im Stich gelassen werden und Kinder zu versorgen haben - wie eine Mitpatientin sagte:"Mein Sohn ist in der Pubertät. Eigentlich bräuchte er meine ganze Aufmerksamkeit, aber ich brauche im Moment meine ganze Kraft für mich selber. Das tut ihm nicht gut." Die Liste ließe sich fortsetzen. Genau dieser Aspekt hat mich mit zunehmender Seitenzahl ungehaltener gemacht - ich vermisse in den Schilderungen von Frau Sixt das 'wirkliche Leben'. Ich glaube kaum, daß sich viele Frauen mit ihr identifizieren können, weil sich ihr Leben in anderen Dimensionen abspielt - sie keine so charismatischen Freunde wie Carlos um sich haben, keine Astrologen und keine Hollywood-Yoga-Lehrerinnen. Es klingt alles zu schön und zu einfach und nimmt der Sache viel von ihrer Ernsthaftigkeit. Schade.