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Jazzorientierte deutsche Talente tun sich bei aller Förderung relativ schwer in punkto Bekanntwerden und Durchsetzen, besonders gegen die starke internationale Konkurrenz. Darunter sind weibliche Instrumentalisten regelrecht Mangelware. Wen verwundert es da, wenn im Falle des Falles ein regelrechter Hype in der Fachwelt losbricht. Sei es den jungen Künstlerinnen gegönnt, nur sollte man dabei den Blick für Realitäten nicht aus den Augen verlieren.
Nun haben wir hier so ein Talent: Gerade 25 Jahre ist die Pianistin Olivia Trummer jung. Sie studiert(e) Jazz- und klassisches Piano. Diese genreübergreifende Mixtur findet sich in der Jazzszene von der Basis her häufig und so auch in ihrem Spiel wieder, in improvisatorischen Bearbeitungen klassischer Werke und eigenen Jazz-Komposition, die von traditionell bis zeitgenössisch reichen und ebenso Elemente aus Pop und Weltmusik einbinden. So vielseitig wie ihre Musik sind ihre derzeitigen Projekte - sie spielt mit eigenem Jazz-Trio, mit ihrem sogenannten Ensemble Eichendorff (eigenvertonte Gedichte des Romantikers Joseph Eichendorff) und singt in einem A-Capella-Sextett - um nur einige zu nennen.
Viel Beachtung fanden ihre beiden bisherigen Alben "Nach Norden" (2006) und das besser gelungene, schon recht reife "Westwind" (2008, Quartalspreis der Deutschen Schallplattenkritik). Kürzlich erst konnte sich ihr Trio beim Neuen Deutschen Jazzpreis 2010 in Mannheim gegen 200 Mitbewerber mit einem 3. Platz behaupten.
Ihr unbeschwerter, graziös-zarter und mit Scatanleihen versetzter Gesang ist nun das, womit die junge Pianistin in mehreren mit englisch- und deutschsprachigen Texten versehenen Liedern auf ihrem dritten, durchweg selbst komponierten Jazz-Album "Nobody Knows" aufwartet. Gesang obenauf schaffe ihr die innigste Verbindung zur Musik, wie sie selbst sagt und das mag allgemeingültig stimmen. Ein weiterer Akzent ihrer außerordentlichen Begabung, heben allerorts Kritiker überschwänglich er- und bestaunend hervor. Hm, tja ... sie singt halt in erster Linie z u m Klavier - und so klingt eben auch, mitunter etwas zu "angekettet" und "tonleitrig". Sicherlich, es sind hübsche Einfälle dabei, die Interpretationen haben eine persönliche Note und ihr mädchenhafter Natursopran harmoniert dabei gut mit ihrem leicht schwebenden, transparenten Pianospiel oder im Duo mit den anderen Instrumenten. Zur herausragenden Gesangsbegabung fehlt es ihrer Stimme allerdings an Substanz und Prägnanz. In der heutigen, von jungen Damen samt schlanken Stimmen überfluteten Gesangsszene allerdings kein Hindernis, ein breites Publikum damit anzusprechen und somit Karriere damit zu machen. Poesie, Nachdenklichkeit und Optimusmus - von "tiefgründigen" Texten ist in der Promoschrift die Rede. Ich will ihr das nicht absprechen, die Texte sind wirklich gefällig. Wie es jedoch bei allen Texten so ist: Es kommt auf den Blickwinkel des Betrachters an. Beispielsweise beim letzten Lied "Wie die Zeit vergeht" mag der in herausgegriffenen Zeilen wie ".. versuchs noch mal ... spür die Zeit auf deiner Seite stehn ..." anklingende Optimismus aus der Sicht einer 25-Jährigen gelten. Wenn man erst die Zeit wirklich gespürt hat, sieht das Ganze doch - bei allen guten Vorsätzen - mitunter anders aus. Annahme und Ausdeutungen der Texte darf selbstverständlich jeder Hörer mit sich ausmachen.
Als reine Pianostücke sind lediglich die Titel 2, 5 und 8 zu hören, die sich sehr zurückgenommen, als verträumt-melancholische Reflexionen im wahrsten Sinne präsentieren.
Olivia Trummer wird diesmal begleitet vom spanischen Bassisten Antonio Miguel sowie wie bereits auf "Westwind" von Matthias Schriefl (Trompete, Flügelhorn) und dem mit ihr auch ansonsten als Duo-Partner auftretenden Bodek Janke (Percussion, Drums, Tabla). Der gewann überdies zusätzlich den Solistenpreis beim erwähnten Jazzpreis mit dem auf dem Album enthaltenen Titel "Seaside". Darin brilliert er mit einem von Bols begleiteten Tabla-Solo, was diesem Stück einen beachtlichen Kick verpasst. Von Percussion-/Tabla-Altmeistern wie z. B. Trilok Gurtu ist sein Können allerdings noch ein Stückchen entfernt. Erfrischend bis humorvoll-grotesk wirken Schriefels schräge Tönereien (Titel 3, 4, 7, 9), hierunter sei das medleyartige "Sweets" und das bildliche Spiel in "Abendröte" hervorgehoben. Man muss eingestehen: Die beiden Herren polieren das "Elfenbein" doch unüberhörbar. Miguels Bass bleibt eher unspektakulär als Basis im Hintergrund und übernimmt nur in den Titeln 1 und 9 ein wenig gestalterische Passagen.
Insgesamt wirkt das Album durch die breit angelegte Abwechslung und lichte Leichtigkeit gefällig. Bei aller Ausweitung des Dargebotenen gegenüber den Vorgängeralben gefällt mir persönlich das rein instrumentale "Westwind" immer noch einen Tick besser. Vielleicht sollte die junge Dame ihre strassfunkelnden High-Heels doch noch im Schrank lassen.
*** Weitere Hörtipps in Verbindung mit dem Neuen Deutschen Jazzpreis 2010 ***
Erstplatzierter: Tim Allhoff Trio - CD "Prelude" (von 1/2010)
Zweitplatzierter: Wolfgang Fuhr/"Trio 120" - CD "Flug" (von 2008)